Schach: Beispiel6


Formales Teil 1 Teil 2 Teil 3


Eine ungleiche Begegnung?Bearbeiten

Nominell sollte die schachliche Begegnung des Buchpaten mit sundance_Raphael eine eindeutige Angelegenheit ohne besondere Spannung sein. Es besteht sogar die Gefahr, daß bei dem Spielstärkeunterschied die Begegnung für beide Seiten frustrierend sein kann, auf der einen wegen der Chancenlosigkeit, auf der anderen wegen der Unterforderung. Ich durfte jedoch schon einige Male als Gast bei Partien von sundance_Raphael zuschauen (siehe die letzte Partie in dieser Liste), und konnte daraus mehrfach direkten Nutzen für dieses Schachbuch ziehen. Auch in dieser Partie ist das nicht anders.

Darüber hinaus zeigt sich außerdem, das man auch als guter Spieler niemals arrogant werden darf. Auch gute Spieler machen Fehler, und dann kann die anscheinend so sichere Angelegenheit noch einmal ganz schön spannend werden.


sundance_Raphael - Turelion

1. d4 Sf6

2. Lf4

An dieser Stelle ist normalerweise 2. c4 üblich, um die indischen Eröffnungen anzusteuern. Der Bauer würde das Zentralfeld d5 von der Flanke aus kontrollieren.

Der Läuferzug ist auch noch aus einem anderen Grund ungenau. Allgemein werden in der Eröffnung zuerst die Springer, und dann erst die Läufer entwickelt. Warum das so ist, wird im weiteren Verlauf der Partie deutlich.

2. ... d6

3. e3 g6

4. a4

 
 
               
               
               
               
               
               
               
               
 
 
Stellung nach 4. a2-a4


Dieser Zug gehört in die Kategorie "unmotivierte Randbauernzüge eines Anfängers". Wenn man viel im Internet spielt, dann begegnen einem solche Manöver ständig.

Ich rate den Lesern dringend, so etwas zu unterlassen, es sei denn, man hat einen konkreten Plan.

  • In der Eröffnung geht es darum Figuren zu entwickeln und das Zentrum in Beschlag zu nehmen. Weil die Turmentwicklung warten kann (schließlich werden zu früh entwickelte Türme meistens vom Gegner geschnappt), tut dieser Zug weder das eine noch das andere.
  • Der Zug schwächt außerdem die Felder b3 und b4. und reißt ein Loch in die mögliche Rochadestellung. Weiß kann also höchstens noch kurz rochieren, und Schwarz kann jetzt schon seine Figuren auf den Königsflügel ausrichten.

4. ... Lg7

5. Lb5+ c6

6. Lc4 O-O

7. Sf3 Sbd7

8. O-O Sb6

 
 
               
               
               
               
               
               
               
               
 
 
Stellung nach 8. ... Sd7-b6


Jetzt zeigt sich der Nachteil der exponierten Läufer. In einer vorherigen Partie konnte ich sundance_Raphael die Durchschlagskraft des Läuferpaares demonstrieren. Dabei habe ich betont, daß die Läufer etwas wertvoller sind als die Springer. Deshalb weicht sie in der Folge dem Abtausch aus, was meiner Meinung nach richtig ist. Das ermöglicht aber meinem Springer, durch fortwährendes Verscheuchen der Läufer eine gute Angriffsposition zu erreichen.

9. Ld3 Sbd5

10. Lg3 Sb4

Hatte ich schon erwähnt, daß der Bauernvorstoß nach a4 das Feld b4 geschwächt hat?

11. Le2 Lf5

12. Lbd2 Lxc2

13. Dc1 Tc8

14. b3 c5

15. a5 cxd4

16. exd4 Lf5

17. Db2 Sfd5

18. a6

Dieser Bauer hat bisher noch kein Glück gehabt. Das ist sein dritter Zug, und jeder davon war mindestens Zugverschwendung. In diesem Fall ist es sogar eine Art von Selbstmord, und er nimmt sogar noch einen Kollegen mit in den Tod.

18. ... bxa6

19. Lxa6 Sxa6

20. Txa6 Ld3

 
 
               
               
               
               
               
               
               
               
 
 
Stellung nach 20. ... Lf5-d3


Weiß hat darauf bestanden, den Bauern nicht kampflos herzugeben, und so hat er sich selbst in diese Läufergabel gestürzt.

21. Te1 Lxa6

22. Da2 Tc6

23. Lh4 Sf4 ??


 
 
               
               
               
               
               
               
               
               
 
 
Stellung nach 23. ... Sd5-f4


Schwarz hat hier eine schicke Mattkombination mit Damenopfer gesehen. Leider hat diese Kombination ein dickes, dickes Loch, und Weiß findet es. Dadurch gelingt es ihm, die Situation noch einmal auszugleichen.

24. Lxe7 Dxe7

25. Txe7 Se2+

26. Txe2

 
 
               
               
               
               
               
               
               
               
 
 
Stellung nach 26. Te7xSe2

Dieser Zug gibt der Mattkombination den Todesstoß. Wie sich aber im weiteren Partieverlauf ergab, hat Weiß das drohende Grundreihenmatt gar nicht gesehen. Warum hat Weiß den Zug dann durchgeführt? Weil er nicht gesehen hat, daß der Springer durch den Läufer auf a6 bewacht war!!

26. ... Lxe2

27. Sg5 ??

Dieser Zug wirft die gerade eben noch einmal gerettete Partie wieder weg. Weiß hat sich durch das Opfer einer Qualität die Möglichkeit erkauft, seinem König mit 27. h3 ein Schlupfloch zu verschaffen, und verzichtet jetzt darauf. Schwarz hätte im Anschluß daran zunächst keinen konkreten Plan gehabt, sämtliche Drohungen wären verflogen. Das Material wäre rechnerisch ausgeglichen (Dame gegen Turmpaar, Springerpaar gegen Läuferpaar). So aber erhält Schwarz unverhofft die Möglichkeit, seine ursprünglichen Mattpläne doch noch fortzusetzen.

27. ... Tc1+

28. Sf1 Txf1#