Zur Psychologie des Heimwehs: Einleitung


1. Einleitung

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Am Anfang meiner Arbeit stand dieses Gefühl, das mich plötzlich überkommt und mich dann an nichts anderes mehr denken läßt, als an "zu Hause", welches gleichzeitig so fern und doch so nah ist. Ich habe es bis zu diesem Moment gar nicht richtig wahrgenommen, es war immer schon da. Ja, ich habe mir in bestimmten schwierigen Situationen sogar gewünscht, weit weg zu sein, und damit fern von all den Problemen. Und plötzlich bin ich es wirklich und hänge an jedem noch so kleinen Gedanken an die Zurückgebliebenen. Da werden Erinnerungen plötzlich zu unbeschreiblichen Erlebnissen, Orte und Gebäude zu Wundern. Ein Brief wird wie ein Stück Heimat verehrt und über hundertmal gelesen. Eine Schallplatte wird jeden Tag gespielt und der ersehnte Besuch wird mit Tränen empfangen, weil er doch wieder allein zurück fährt. Und wenn der Tag kommt, an dem ich wieder nach Hause fahre, dann drücke ich mir im Zug die Nase an der Fensterscheibe platt und kann den Dom vor lauter Tränen nicht sehen. Und alles Leiden ist weg, alles ist wie gewohnt. Ich schreibe diese Arbeit aus meiner eigenen Betroffenheit. Ich will damit genauer erfahren, warum es Menschen gibt, die krank werden, wenn sie nicht " zu Hause" sind, die regelmäßig "heimfahren", um nicht in Leid zu verfallen. Ich will wissen, wie andere dieses starke Gefühl der Trennung von ihrer Heimat empfinden. Es ist ein Gefühl, welches jeder kennt, über das aber keiner spricht. Gilt es vielleicht als "kindisch", an seiner vertrauten Umgebung zu hängen, oder ist es sogar reaktionär, mit dem Begriff der Heimat etwas Warmes, Geborgenes zu empfinden? Diese Arbeit ist in zwei Teile gegliedert: Im ersten, dem theoretischen Teil, möchte ich versuchen, das Gefühl des Heimwehs näher zu erläutern. Dazu möchte ich zuerst zu erklären versuchen, wie und warum ein Mensch sich in früher Kindheit an eine Person (die Mutter) bindet, und wie sich dieses Bindungsverhalten im Laufe des Lebens weiterentwickelt. Anschließend möchte ich auf den Begriff der Heimat näher eingehen, da dieser, wie ich meine, einen Schlüsselbegriff in unserem Zusammenhang darstellt, denn Heimweh ist die Sehnsucht nach der Heimat. Da der Heimatbegriff aber ideologisch belastet ist, möchte ich zuerst einen Überblick geben über die lang schon anhaltende Diskussion um diesen Begriff, um ihn dann für unseren Kontext brauchbar zu machen. Dem wird dann ein Versuch folgen, das Gefühl des Heimwehs, nämlich der schmerzlichen Trennung von meiner vertrauten Umgebung, anhand eines theoretischen Ansatzes zu verdeutlichen. Im zweiten, dem empirischen Teil meiner Arbeit möchte ich die ge­machten theoretischen Erkenntnisse dann an einem praktischen Bei­spiel belegen, darstellen, modifizieren oder vielleicht auch verwerfen. Hierzu werde ich ein Interview mit einer Betroffenen durchführen und auswerten.