Soziologische Klassiker/ Luckmann, Thomas

Grundstruktur des Kapitels:

Biographie in DatenBearbeiten

  Thomas Luckmann

  • geboren am 14. Oktober 1927 in Jesenice (Slowenien)

Vater: Carl Luckmann (österreichischer Abstammung)
Mutter: Virina Vodusek (slowenischer Abstammung)

  • 1942: Luckmanns Vater wird in Jesenice von Kommunisten erschossen.
  • 1943: Gemeinsam mit seiner Mutter übersiedelt Luckmann nach Wien. Formal gilt er (nach der deutschen Invasion) als deutscher Staatsbürger und ist wehrpflichtig, was zu seiner Einberufung als Flakhelfer führt. Später meldet sich Luckmann zur deutschen Luftwaffe, wird leicht verletzt und gerät in Kriegsgefangenschaft.
  • 1946: Nach seiner Entlassung besucht Luckmann erneut das Gymnasium in Wien.
  • 1947: Matura in Wien und Inskription an der Universität Wien (Sprachwissenschaften und Philosophie)
  • 1948: Absetzung aus der russischen Besatzungszone in Wien. Luckmann setzt seine Studien, erweitert um Psychologie, Kirchenslawisch, Ägyptologie, franz. Philologie sowie Geschichte und Germanistik in Innsbruck fort.
  • 1949: Luckmann lernt die aus Riga stammende Benita Petkevic, seine spätere Frau, kennen.
  • 1950: Hochzeit in Salzburg. Benita Luckmann reist in die USA aus, da es Probleme bei der Visaerteilung gab, folgt Thomas Luckmann zeitversetzt nach.
  • 1950-1952: Geburt der beiden Töchter Maya und Mara. Die junge Einwandererfamilie hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, dennoch setzten beide ihre Studien fort(Luckmann: Philosophie, Soziologie, Psychologie) an der New School for Social Research in New York fort. Dort kommt er mit einigen bekannten Persönlichkeiten wie Alfred Schütz, Karl Löwith, Albert Salomon sowie Carl Mayer in Kontakt, die als Lehrkräfte an der New School tätig waren. Luckmann verlagert seinen Studienschwerpunkt auf die Soziologie, während eines Seminars von Löwith kommt es zur ersten Begegnung mit Peter L. Berger.
  • 1953: Magisterabschluss in Philosophie mit einer Arbeit über die Moralphilosophie Camus', Alfred Schütz führt den Prüfungsvorsitz. Luckmann wird die amerikanische Staatsbürgerschaft verliehen.
  • 1955: Luckmann erhält eine Stelle als „Teaching Assistant“ am Lehrstuhl von Carl Mayer und führt Feldforschungen im Nachkriegsdeutschland durch.
  • 1956: Promotion zum Dr. phil. (Ph. D.) der Soziologie. Danach nimmt Luckmann eine Stelle als Teaching Assistant am Hobart College in Geneva, New York, an.
  • 1959: Alfred Schütz stirbt am 20. Mai in New York, Luckmann lehrt mehrere Sommer als Fulbright Professor in Freiburg.
  • 1960: Thomas Luckmann wird soziologischer Nachfolger seines ehemaligen Lehrers Alfred Schütz an der Graduate Faculty der New School for Social Research, zuerst als Assistant Professor, später als Associate Professor.
  • 1963: Luckmanns erstes Buch erscheint, es widmet sich dem Problem der Religion in der modernen Gesellschaft. Im selben Jahr publiziert er den ersten gemeinsamen Aufsatz mit Peter L. Berger.
  • 1965: Wechsel an die Universität Frankfurt am Main. Die dritte Tochter Metka kommt zur Welt.
  • 1966: Luckmann und Berger veröffentlichen gemeinsam „Die soziale Konstruktion der Wirklichkeit“.
  • 1970: Luckmann wird Professor für Soziologie an der Universität in Konstanz. Hier gründet Luckmann das „Sozialwissenschaftliche Archiv“ (Alfred-Schütz-Archiv).
  • 1971-1979: Zahlreiche wichtige Publikationen. Im Jahr 1979 stirbt Luckmanns Mutter in Ljubljana.
  • 1980: Luckmann beginnt seinen Forschungsschwerpunkt in Richtung sprachlicher Interaktion und Kommunikation zu verlagern. Er verbringt einen sechs Monate andauernden Forschungsaufenthalt an der Harvard Divinity School in Cambridge, ist Gastprofessor u. a. an der Universität Wien und wird Honorarprofessor an der Universität Salzburg.
  • 1983: Umzug nach Gottlieben (Schweiz).
  • 1986: Luckmann erhält die Ehrendoktorwürde der Universität Linköping.
  • 1987: Benita Luckmann stirbt am 3. März dieses Jahres.
  • 1990: Luckmann wird Titularprofessor für Soziologie an der Universität Ljubljana.
  • 1991: Luckmann engagiert sich im Jugoslawischen Nationalkrieg für die politische Unabhängigkeit Sloweniens, welche am 8. Oktober diese Jahres anerkannt wird. Luckmann ist Mitglied der slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste.
  • 1993: Ehrendoktorat der Universität Ljubljana.
  • 1994: Emeritierung
  • 1995-2002: Publikation von Modernität, Pluralismus und Sinnkrise (gemeinsam mit Berger, 1995) und Wissen und Gesellschaft (2002). 1998 erhält Thomas Luckmann die Ehrendoktorwürde der NTNU in Trondheim.


Historischer KontextBearbeiten

Thomas Luckmanns Lebensweg ist von dessen Kindheit an durch die Begegnung verschiedener Kulturen geprägt. Zu diesem Umstand tragen bereits die Verhältnisse in seiner Herkunftsfamilie bei, ist doch sein Vater (Karl Luckmann) österreichischer Abstammung während seine Mutter (Virina Vodusek) gebürtige Slowenin ist. So wächst Luckmann nicht nur zweisprachig auf, er kommt über die verwandtschaftlichen Beziehungen auch mit zwei verschiedenen Kulturen in Berührung. Dies legt Luckmann einen Blick hinter die Kulissen der kulturell gefärbten und sozialen Konstruktion der Wirklichkeit sowie ein allgemeines Interesse für Sprachen in die Wiege.
Während des Zweiten Weltkrieges wird Jugoslawien von der deutschen Wehrmacht besetzt und ein Teil in das Deutsche Reich eingegliedert. Der 16 jährige Luckmann wird formal deutscher Staatsbürger und direkt von der Schule weg in eine Flugzeugabwehr-Batterie in den Wienerwald einberufen. Während der Kriegswirren wird er leicht verletzt und in ein Lazarett in Altötting eingeliefert, von wo aus Luckmann direkt in Kriegsgefangenschaft gerät. Es gelingt ihm die Absetzung über den Inn nach Österreich, wo er sich nach Wien durchschlägt.
Die Nachkriegszeit verbringt Luckmann im zerbombten Wien wo er erst die Matura nachholt und später seine Studien aufnimmt. Allgemein müssen harte Lebensumstände vorgeherrscht haben, zum einen war Wien in vier Besatzungszonen eingeteilt, was die Bewegungsfreiheit einschränkte, zum anderen musste sich der junge Student am Wiederaufbau beteiligen und zudem seinen Lebensunterhalt selbst bewerkstelligen. Auch der Umstand, dass Luckmann als „Ausländer“ in Wien regelmäßig bei der Polizei erscheinen musste um eine Aufenthaltsverlängerung zu erwirken und dass er an der Universität Bestnoten erringen musste um nicht ein vielfaches der Studiengebühren bezahlen zu müssen, kann lediglich als widrig bezeichnet werden. Dennoch könnte dies seine Leistungsbereitschaft angespornt haben.
1948 schmuggelt sich Luckmann aus der russischen Besatzungszone hinaus und setzt sein Studium in Innsbruck fort, sein Entschluss ins Ausland zu gehen steht bereits fest. In Kärnten kreuzen sich die Wege von Thomas Luckmann und Benita Petkevic, die kurze Zeit später heiraten. Seine Frau, nunmehr Benita Luckmann, absolviert selbst eine akademische Ausbildung und darf in ihrem Einfluss bzw. in der Unterstützung, die sie der Arbeit ihres Mannes angedeihen ließ, nicht unterschätzt werden. Beide reisen in die USA aus. Während in Europa, insbesondere im deutschsprachigen Raum, der Fortschritt der sozialwissenschaftlichen Forschung durch den Krieg brach lag und wesentliche wissenschaftliche Kapazitäten den Kontinent verlassen hatten, kann in Amerika von einer sozialwissenschaftlichen „Hochkonjunktur“ und einem pulsierenden Wissenschaftsbetrieb gesprochen werden (vgl. Hintergründe zum Braindrain in die USA während der NS Zeit). Es war also mit Sicherheit keine schlechte Entscheidung, den Atlantik zu überqueren.
Der Neustart in Amerika war anfänglich kein leichter und von prekären existentiellen Bedingungen gekennzeichnet. Schließlich ist es glücklichen Zufällen zu verdanken, dass Thomas und Benita Luckmann ein Stipendium an der New School for Social Research erhalten und ihre Studien fortführen können. Die Graduate Faculty an der New School ist ein wahres Auffangbecken für während des Naziregimes vertriebene Intelligenz aus Europa. Hier trifft Luckmann mit zahlreichen Denkern Europas zusammen, hier entfaltet sich sein wissenschaftliches Denken und er erhält Impulse und Prägungen, die sein Lebenswerk nachhaltig beeinflussen.


Theoriegeschichtlicher Kontext und WegbereiterBearbeiten

Luckmann ist in seinem Denken und Forschen vielseitig von Zeitgenossen und Klassikern geprägt worden. Er selbst nennt wiederholt verschiedene Einflüsse wie die von Max Weber, Arnold Gehlen, George H. Mead, Maurice Halbwachs und Émile Durkheim. Letzterer beeinflusst insbesondere seine gesellschaftstheoretischen Arbeiten. Luckmann knüpft zudem stark an den methodologischen Individualismus und die Handlungstheorie Max Webers an, die Ausgangspunkt seines Denkens werden. Nachhaltigen Einfluss übt auch Alfred Schütz aus, der ihm Lehrer, Doktorvater und Freund wird und dessen mundanphänomenologische Herangehensweise er aufgreift. Einer der einflussreichsten akademischen Weggenossen ist Peter L. Berger, mit dem Luckmann über Jahre zusammenarbeitet und schreibt, unter anderem Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit.

WerkeBearbeiten

  • Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit (1966, mit Peter L. Berger)
  • Die unsichtbare Religion (1967)
  • Berufssoziologie (1972)
  • Soziologie der Sprache (1975)
  • Phenomenology and Sociology (1978)
  • Strukturen der Lebenswelten, Band I (1979, mit Alfred Schütz)
  • Strukturen der Lebenswelten, Band II (1979, mit Alfred Schütz)
  • Lebenswelt und Gesellschaft (1980)
  • Religion in den Gegenwartsströmungen der deutschen Soziologie (1983, mit Fritz Daiber)
  • The Changing Face of Religion (1989, mit J. A. Beckford)
  • Theorie des sozialen Handelns (1992)
  • Moral im Alltag (1998)
  • Die Kommunikative Konstruktion von Moral (1999, mit Jörg Bergmann)
  • Wissen und Gesellschaft, Ausgewählte Aufsätze 1981 - 2002 (2002)


Das Werk in Themen und ThesenBearbeiten

Thomas Luckmann beschäftigte sich neben der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit (im weiteren Verlauf GKW), auch mit der Religion und der Sprache.

Die GKW basiert auf zwei Grundvoraussetzungen:

  • "Alle Realität ist sozial konstruiert"
  • "Die Soziologie des Wissens muss den Prozess analysieren, auf dem dies geschieht"

Die Gesellschaft ist ein ständiger Prozess der wiederum auf drei Komponenten beruht:

  • Internalisierung: Die Wirklichkeit des signifikant Anderen (enge Bezugspersonen des Individuums) wird im Rahmen der primären Sozialisation vom Individuum internalisiert.
  • Objektivation: Die Gesellschaft der Anderen wird vom Individuum angenommen.
  • Externalisierung: Es entsteht ein reflektierendes und reflektiertes Selbst, das im Verlauf der sekundären Sozialisation institutionalisierte Rollen übernimmt.

Nun stehen sich eine subjektive Wirklichkeit des Einzelnen und eine objektive Wirklichkeit der Gesellschaft gegenüber. Die objektive Wirklichkeit ist die Gesamtheit aller subjektiven Wirklichkeiten. "Objektiv" ist diese Wirklichkeit auch deshalb, weil sie intersubjektiv geteilt wird, sodass die Individuen ein zumindest ähnliches und in großen Teilen übereinstimmendes Verständnis von dieser Wirklichkeit haben. Durch das Verteilen des Wissens auf unterschiedliche Individuen, kristallisiert sich aber eine Fülle von Subwelten heraus. Dies wird in erster Linie durch die Sprache bewirkt. Die Sprache als darstellendes Moment dieser Wirklichkeit thematisiert Luckmann gemeinsam mit Peter Berger bereits in diesem Werk, führt es aber in folgenden noch weiter aus.


In seiner Religionssoziologie behandelte Luckmann insbesondere das Thema der Säkularisierung. Diese schreitet voran und bewirkt, dass Religion zu einer Privatsache wird. Nicht jedoch in einem protestanischen Sinne, sondern in dem, dass man es sich vorbehält, auf die Religion nur noch fallweise zurückzugreifen und eine Gelegenheitsreligion daraus macht. Luckmann ortet eine Reihe möglicher funktionaler Äquvalente zur Religion und erkennt diese in einer funktionalistischen Weise an. Er spricht vom Markt der Religionen in dem man sich wie in einem Supermarkt an Weltdeutungsangeboten auswählen kann. Dieses individuelle Zusammenstellen der Weltdeutungs- und Religionsangebote lässt sich unter den Begriff der miltiplen Konversion fassen. Luckmann hält manchen Positionen in der Säkularisierungsdiskussion, die die Religion mit anderen Bereichen gleichsetzen, welche diese allmählich übernehmen werden, entgegen, dass es mehrere Stufen der Transzendenz gibt und die Religion nach wie vor jene der größten Transzendenz behält. Die Säkularisierung betrifft für ihn damit nur die Kirchenreligionen aber nicht das Maß an Religiosität. Mit dem Bedeutungsverlust der Kirchen geht auch jener der Sekten einher, die als kirchliche Konfliktgruppen zu verstehen sind.


Im Bereich der Sprachsoziologie untersuchte Luckmann in empirischen Forschungen face-to-face-Kommunikationen, um die Objektivierungsvorgänge näher zu betrachten, in denen die Deutungsmuster und damit auch die Wirklichkeitsgestaltung entsteht. Diese wiederum konnte er in die Religionssoziologie eingliedern und die religiöse Erfahrung damit näher erklären.


Rezeption und WirkungBearbeiten

Thomas Luckmann's Wirkung besteht insbesondere in Weiterführung der Ideen von Schütz, dessen unvollständigen Manuskripte und Unterlagen er nach dessen Tod aufgearbeitet und neu herausgegeben hat. Damit hat Luckmann dazu beigetragen, Alfred Schütz bis in die Gegenwartssoziologie hinein aktuell zu behalten. In seinen weiteren Werken verbindet er diese phänomenologische Soziologie insbesondere mit Sprache und Religion. In beiden Bereichen sind so, teilweise einseitige Betrachtungen erweitert und mit weiteren Disziplinen kombiniert worden.


LiteraturBearbeiten

  • Berger, Peter / Luckmann, Thomas (1980):
    "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit"
    Frankfurt
  • Hillmann, Karl-Heinz (1994):
    "Wörterbuch der Soziologie"
    Stuttgart
  • Knoblauch, Hubert (2005):
    "Thomas Luckmann, in: D. Kaesler [Hrsg.], Aktuelle Theorien der Soziologie"
    München, 127-146
  • Luckmann, Thomas (2002):
    "Wissen und Gesellschaft. Ausgewählte Aufsätze 1981-2002"
    Konstanz
  • Quadflieg [Hrsg.]
    "Kultur. Theorien der Gegenwart"
    Wiesbaden, S. 170-184
  • Schnettler, Bernt (2006):
    "Thomas Luckmann"
    Konstanz
  • Schnettler, Bernt (2006):
    "Thomas Luckmann, Kultur zwischen Konstitution, Konstruktion und Kommunikation"
    Konstanz
  • Stagl, Justin (2007):
    "Allgemeine Soziologie I. Vorlesung an der Universität Salzburg"
    Salzburg
  • Weiß, Johannes (2007):
    "Säkularisierung oder nicht? Ein Klärungsversuch. Unveröffentlichter Aufsatz im Rahmen der Vorlesung: Religionssoziologie an der Universität Salzburg"
    Salzburg


InternetquellenBearbeiten