Materialwirtschaft: Einführung: Aufgaben und Ziele



Was ist Materialwirtschaft?

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Die Materialwirtschaft als solche ist schwer von anderen Bereichen der Betriebsstruktur abzugrenzen, da sie in jeder Unternehmung anders strukturiert und mit anderen Kompetenzen ausgestattet ist.

Dies liegt nicht zuletzt an dem zentralen Aufgabenbereich der Materialwirtschaft: Die Planung und Steuerung (zeitlich, mengenmäßig, qualitativ und räumlich) von Warenströmen zwischen Unternehmung und Lieferanten, Kunden, internen Bedarfsträgern (beispielsweise verschiedenen Abteilungen und Zweigwerken) und dem Lager.

Unternehmen unterscheiden sich jedoch. Ein multinationales Unternehmen, welches in verschiedenen Zweigwerken produziert, ist auf eine funktionierende integrierte Materialwirtschaft sehr viel eher angewiesen als ein kleiner lokaler Dienstleistungs- oder Handwerksbetrieb. Zudem ist die integrierte Materialwirtschaft in Implementierung und Forschung noch vergleichsweise jung, so dass sich die Idealmodelle je nach Lehrbuch in ihrer Komplexität stark unterscheiden können.

Formal lässt sich der Aufbau der Materialwirtschaft also an folgenden Punkten festmachen:

  • Art der Unternehmung (Produzent, Handel, Dienstleistung etc.)
  • Größe der Unternehmung
  • Streuung der Unternehmensteile (lokal agierendes Unternehmen oder Global Player)

Da sich die Materialwirtschaft in ihrer Gesamtheit eher an selbst produzierenden Großkonzernen darstellen lässt, entwickeln wir für zukünftige Beispiele und Übungen in diesem Buch nun einen solchen:


Beispiel

Die Queja AG ist ein produzierendes Unternehmen der Computerbranche und besitzt Zweigwerke in Singapur, Tschechien und Deutschland. In Deutschland ist ebenso die Unternehmensleitung angesiedelt. Primärer Vertriebsmarkt sind EMEA (Europa, Mittlerer Osten und Afrika) und Australien. Die Queja AG fertigt hochqualitative Rechner für den gehobenen Anspruch und fertigt daher bestimmte Komponenten selbst, andere werden von entsprechenden Produzenten eingekauft. Für die Fertigung benötigt sie Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe sowie Fremdbauteile. Die Endfertigung findet im Zweigwerk Tschechien statt. Da diese Materialien für unterschiedliche Rechnermodelle und in unterschiedlichen Fertigungsphasen benötigt werden, kann man zur Ermittlung des Bedarfs nicht vom Absatz ausgehen. Die Queja AG ist für ihr Kerngeschäft auf qualitativ hochwertiges Material angewiesen, um Imageschäden zu verhindern und erhöhte Kosten durch Ausschuss zu minimieren.

 


Die Materialwirtschaft befasst sich in diesem Zusammenhang also maßgeblich (aber nicht ausschließlich, siehe Funktionen) mit

  1. Der Steuerung und Planung der Warenströme von Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen (RHB) sowie Fremdbauteilen und Geschäftsaustattung (Büromaterialien etc.) von den Lagern an die Zweigwerke und die Unternehmensleitung.
  2. Der Auswahl geeigneter Lieferanten für die einzelnen Materialien
  3. Der innerbetrieblichen Logistik von unfertigen Erzeugnissen an die Endfertigung

Was sich zunächst kompliziert anhört, lässt sich anhand einer Grafik anschaulich darstellen:

 

Funktionen

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Da - wie eingangs erwähnt - kein universelles Idealmodell einer Materialwirtschaft existiert und dies aufgrund von unterschiedlichen Bedürfnissen in unterschiedlichen Unternehmen auch nicht existieren kann, ist es schwer, die Funktionen der Materialwirtschaft einfach in einer Checkliste zusammenzufassen. Stellen Sie sich die Materialwirtschaft daher am besten als Baukasten vor, aus dem Sie sich für den konkreten Fall einer Unternehmung bedienen.

Im Folgenden sollen daher Funktionen aufgeführt werden, die Teil der Materialwirtschaft sein können aber nicht müssen. Diese Funktionen können ebenso von anderen Unternehmensbereichen (Controlling, Logistik, Einkauf etc., siehe Schnittstellen) übernommen oder von der Unternehmung komplett ignoriert werden.

Übersicht

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Beschaffung Bedarfsermittlung, Beschaffungsmarktforschung
Logistik Lagerung, Innerbetriebliche Logistik
Produktion Verbrauchsermittlung, Recycling und Entsorgung
= integrierte Materialwirtschaft (Minimumansatz)
plus Produktion Produktionsplanung
= erweitert integrierte Materialwirtschaft
plus Logistik Distribution
= total integrierte Materialwirtschaft (Maximalansatz)

Bedarfsermittlung

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Die Bedarfsermittlung ist zweifellos eine der wichtigsten Funktionen der Materialwirtschaft, wenn nicht gar die wichtigste. In der Bedarfsermittlung geht es um die Ermittlung des innerbetrieblichen Bedarfs (insbesondere der Bedarf der Produktion) an Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen, Fremdbauteilen und sonstigem Material.

Was sich zunächst einfach anhört ist keineswegs trivial. Die korrekte Ermittlung des mengen- und qualitätsmäßigem Bedarfs an Material ist entscheidend für die Unternehmung:

  • Übersteigt der tatsächliche Bedarf den zunächst ermittelten Bedarf, so kann es zu teuren Stillstandszeiten in der Produktion, Vertragsstrafen gegenüber Kunden wegen Lieferproblemen und allgemeinem Imageverlust führen. Selbst ein unterschätzter Bedarf an Büromaterial kann weitreichende Auswirkungen haben.
  • Übersteigt der ermittelte Bedarf den tatsächlichen, so kann es bei verderblichem Material leicht zum völligen Verlust dieser Güter und damit des eingesetzten Kapitals führen. Zumindest jedoch erhöhen sich dadurch die Lagerungskosten.
  • Selbst wenn der tatsächliche Bedarf korrekt ermittelt wurde, kann es durch erhöhten Ausschuss und Schwund in der Fertigung oder aufgrund von Qualitätsmängeln am Material zu Produktionsausfällen kommen.

Beschaffungsmarktforschung

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Die Beschaffungsmarktforschung beschäftigt sich primär mit der Analyse des Marktes und dem Auffinden neuer Lieferanten für die benötigten Materialien und eventuell zukünftig benötigter Materialien. Mittels der Beschaffungsmarktforschung können Lieferanten gefunden werden, die

  • bessere Vertriebskonditionen anbieten
  • Materialien zu geringen Preisen anbieten
  • qualitativ hochwertiger sind
  • zuverlässiger liefern

als bisherige Lieferanten. Schließlich kann man sich nur für den „Besten“ der bekannten Lieferanten entscheiden. Insbesondere in Hinsicht auf die zunehmende Globalisierung steigt die Wichtigkeit der Beschaffungsmarktforschung, um geeignete Lieferanten zu finden, die hohe Qualität zu niedrigen Preisen bei gleichzeitig hoher Zuverlässigkeit anbieten.

Lagerung

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Materialien, die zu lange im Lager verbleiben, kosten die Unternehmung Geld, da das gebundene Kapital anderweitig besser angelegt wäre. Die vorhandenen Lagerkapazitäten müssen zudem optimal ausgelastet und eine hohe Lieferbereitschaft an die Bedarfsträger des Unternehmens gewährleistet werden. Diese teilweise konträren Ziele unter einen Hut zu bringen, ist ebenfalls eine der Kernkompetenzen der Materialwirtschaft. Zur Kontrolle dieser Ziele nutzt man die sogenannten Lagerkennzahlen, aus denen man

  • durchschnittlichen Lagerbestand (wieviel Material befindet sich durchschnittlich im Lager?)
  • Lagerumschlagshäufigkeit (wie oft schlägt sich das Lager im Jahr um?)
  • durchschnittliche Lagerdauer (wie lange lagern Materialien durchschnittlich im Lager?)
  • Lagerzinssatz (mit wieviel Prozent Kapitalzinssatz wird das gelagerte Material belastet?)
  • Lieferbereitschaft (wie viele Bedarfsanforderungen können sofort erfüllt werden?)

ablesen kann.

Innerbetriebliche Logistik

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Die innerbetriebliche Logistik kümmert sich um die konstante Bedarfserfüllung der einzelnen Teile des Unternehmens und muss so sicherstellen, dass an keiner Stelle - zum Beispiel des Produktionsprogramms - Wartezeiten entstehen, die wiederum zu Lieferverzögerungen, Stillstandszeiten und Vertragsstrafen führen könnten.


Beispiel


Die Queja AG fertigt unter anderem das Modell Ciruella. Dieses durchläuft zwar die Endfertigung in Tschechien, wird jedoch aus technischen Gründen in Deutschland fertiggestellt. Die für das Modell benötigten Komponenten werden teilweise in der Eigenfertigung in Singapur hergestellt, teilweise von Lieferanten als Fertigbauteile bezogen.


Dieses durchaus marktgerechte Beispiel macht deutlich, wie wichtig eine reibungslose innerbetriebliche Logistik ist, um die vorhandenen Störpotentiale zu umgehen.

Verbrauchsermittlung

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Die Verbrauchsermittlung ist zugleich innere Funktion und Schnittstelle zu anderen Bereichen des Unternehmens. Intern ist sie essentiell für die Sicherstellung der innerbetrieblichen Versorgung an Materialien, darüber hinaus brauchen die folgenden Bereiche Angaben zum mengen- und wertmäßigen Verbrauch:

  • Rechnungswesen - Finanzbuchhaltung. Rohstoffbewertung beim Jahresabschluss.
  • Rechnungswesen - Kosten- und Leistungsrechnung. Ermitteln der Ist-Materialkosten.
  • Controlling
  • Fertigungssteuerung

Recycling und Entsorgung

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Umweltschutz ist in den letzten Jahren ein immer wichtiger gewordenes Thema. Gesetzliche Vorgaben haben sich sehr verschärft und der Umweltschutz wurde von den Unternehmen als Marketinginstrument für Public Relations entdeckt. Aber auch die steigenden Kosten für bestimmte Rohstoffe haben den innerbetrieblichen Bedarf nach Recycling geweckt.

Die gesetzlich immer mehr erzwungene Verantwortung des Herstellers gegenüber seinem Produkt, von der Herstellung bis zur Entsorgung, auch Product Stewardship genannt, erfordert eine Abwägung von günstigen aber auch umweltverträglichen Materialien für die Produktion und eine kostengünstige, dem gesetzlichen Rahmen jedoch folgende Entsorgung derselben.

Produktionsplanung

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Beispielhafter Gozintograph für die Herstellung der Produkte A, B und C

Die Produktionsplanung (üblicherweise mittels eines   PPS-Systems) ist eine Vertiefung der Bedarfsplanung und bestimmt die Menge und zeitlich logistische Verfügbarmachung an Primär-, Sekundär-, und Tertiärbedarf, der für die Herstellung eines Produktes gedeckt werden muss. Ein Mittel, dieses Beziehungsgeflecht darzustellen ist beispielsweise der   Gozintograph.

Distribution

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Unter Distribution versteht man die logistische Durchführung des im Marketing geplanten Distributions-Mix (Auswahl von Distributionskanälen: Verkaufen wir als Unternehmen direkt an unsere Kunden, über Zwischenhändler, Handelsvertreter oder als Kombination dieser Möglichkeiten.)

Im Gegensatz zur innerbetrieblichen Logistik werden hier Fertigerzeugnisse an die Kunden (bzw. Zwischenhändler, was jedoch meist auf dasselbe hinausläuft) geliefert. Die Probleme sind jedoch dieselben. In beiden Fällen muss eine störungsfreie Lieferung der Produkte gewährleistet werden, da es ansonsten zu Abnehmerverlusten, Imageschäden oder Vertragsstrafen kommen kann.

Die Ziele der Materialwirtschaft kann man grob in drei Bereiche unterteilen.

  • Sachziele: Technische Ziele zur Befriedigung des Materialbedarfs
  • Formalziele: Wirtschaftliche Ziele
  • Sozialziele: Umweltschutz

Sachziele

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Sachziele bezeichnen solche, die zur Befriedigung des Materialbedarfs notwendig sind. Wird schon eines dieser Ziele nicht eingehalten, kommt es fast zwangsläufig zu Produktionsverzögerungen oder -ausfällen.

  • Die Güter müssen in der richtigen Menge vorhanden sein, um Produktions- und Lieferfähigkeit nicht zu gefährden. Eine Unterversorgung an Gütern kann Produktionsausfälle, Lieferunfähigkeit und Vertragsstrafen nach sich ziehen. Der Bedarf an Material muss jederzeit gedeckt sein. (Siehe auch: Bedarfsermittlung)
  • Die Güter müssen von der richtigen Art und Qualität sein. Fehlbestellungen aufgrund falscher Produktionsplanung führen ebenso zu Engpässen wie erhöhter Ausschuss oder Rücksendung aufgrund mangelnder Qualität. (Siehe auch: Produktionsplanung)
  • Die Güter müssen zur richtigen Zeit verfügbar sein, damit keine Produktionsverzögerung entsteht (Siehe auch: Innerbetriebliche Logistik)

Formalziele

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Formale Ziele dienen der Ermittlung und Nutzung von möglichen Einsparpotentialen. Dazu gehören folgende Punkte:

  • Minimierung der Bezugskosten durch Auswahl des günstigsten Lieferanten und Nutzung der besten Vertriebskonditionen (Siehe auch: Beschaffungsmarktforschung)
  • Fehlmengenkosten vermeiden durch die Einhaltung der Sachziele
  • Möglichst geringe Lagerkosten durch Senkung der Kapitalbindung, des Lagerrisikos sowie der Kosten für die Lagerführung (Siehe auch: Lagerung)

Umweltschutz

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(Siehe: Recycling und Entsorgung)


Übungsaufgaben

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Übung 1


Das Marketing der Queja AG hat ermittelt, dass die Nachfrage nach Tablet-PCs in Zukunft stark ansteigen wird. Daher plant die Queja AG die Einführung des Modells „Octaer“, welches ein auf ihre Zielgruppe zugeschnittenes Design mit stabilem und leichtem Magnesiumgehäuse als besonderes Produktmerkmal ausweist.

Magnesiumgehäuse werden bislang nicht für Modelle der Queja AG genutzt. Benennen Sie ein Mittel, um neue Lieferanten für diese Bauteile zu finden.



Übung 2


Zwischenzeitlich wurde eine Reihe von Lieferanten für Magnesiumgehäuse ausgemacht. Ordnen Sie mögliche Kriterien zur Auswahl eines Lieferanten nach Prioritäten. Beachten Sie dabei insbesondere die Marktausrichtung der Queja AG.



Übung 3


Die Materialwirtschaft entscheidet, von den Magnesiumgehäusen einen hohen Sicherheitsbestand auf Lager zu halten und strenge Kontrollen beim Wareneingang zu implementieren. Benennen Sie die Ziele der Materialwirtschaft, die durch diese Maßnahmen gefördert bzw. gefährdet werden!