Soziologische Klassiker/ von Wiese, Leopold

Grundstruktur

Biographie in Daten

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Leopold von Wiese und Kaiserswaldau

  • geboren am 2. Dezember 1876 in Glatz (PL)
  • gestorben am 11. Januar 1969 in Köln (D)


Kinder:

Benno Georg Leopold von Wiese, Literaturwissenschafter, geboren am 25. September 1903 in Frankfurt am Main, gestorben am 31. Januar 1987 in München Ursula von Wiese, Schriftstellerin, geboren am 21. April 1905 in Berlin, gestorben am 1. Mai 2002 in Zürich

Werdegang:

  • Studium der Volkswirtschaftslehre in Berlin
  • 1914: Professor für wirtschaftliche Staatswissenschaften und Soziologie an der Handelsschule Köln.
  • 1914: Mitglied der 1909 gegründeten "Deutschen Gesellschaft für Soziologie". Bis 1933 arbeitet er als Schriftführer und wird 1946 Präsident derselben.
  • 1919: Er bekommt den ersten Lehrstuhl für Soziologie in Deutschland als Professor für wirtschaftliche Staatswissenschaften und Soziologie an die Universität von Köln.
  • 1919: Er wird Leiter der "Abteilung für Soziologie" des in Köln gegründeten "Forschungsinstitut für Sozialwissenschaften".
  • 1920: Er ist Gründer und erster Herausgeber der "Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie", Vorläufer der heutigen "Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie".
  • 1934: Durch die Auflösung des "Forschungsinstitutes für Sozialwissenschaften" durch die Nazis emigriert er in die USA
  • 1935: Nach seiner Rückkehr lehrt er nunmehr Volkswirtschaft.
  • 1947: Das 1934 durch die Nationalsozialisten aufgelöste "Forschungsinstitut für Sozialwissenschaften" wird als "Forschungsinstitut für Sozial- und Verwaltungswissenschaften" wiedereröffnet.
  • 1948: Durch seine Initiative erfolgt nun auch die Wiederbegründung der "Kölner Zeitschrift für Soziologie".

Historischer Kontext

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1934: Da durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten das "Forschungsinstitut für Sozialwissenschaften", so wie es bis dahin operierte, aufgehoben und durch ein "Forschungsinstitut für deutschen Sozialismus" ersetzt wurde und die Herausgabe der "Kölner Vierteljahreshefte" eingestellt werden musste, emigrierte von Wiese für etwa ein Jahr in die USA.


Theoriegeschichtlicher Kontext

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Von Wiese betont des Öfteren, er habe die Ansätze seiner Beziehungslehre schon entwickelt, bevor er sich mit Simmel beschäftigte. Den Begriff der "Wechselwirkung" von Simmel übersetzt er neu mit "Wechselbeziehungen".

Generell kann gesagt werden, dass von Wiese positivistischer und weniger psychologisch vorgeht als Simmel. Die Soziologie erforsche - im Gegensatz zur Psychologie, die das Innere des Menschen betrachtet - das wahrnehmbare Verhalten der Individuen in der Aussenwelt.

Von Wiese hielt auch während der Vorherrschaft des geisteswissenschaftlichen Ansatzes der deutschen Soziologie in den 20er und 30er Jahren an seiner behavioristisch-soziologischen These fest und fand v.a. in den USA mit seiner empirischen und quantifizierbaren Soziologie einige Anhänger, u.a. Howard Becker, der von Wieses Lehre übersetzte.

In Deutschland wurde von Wieses Ansatz mit seiner empirischen Forschung und seiner quantitativen Methode erst nach 1945 wirklich anerkannt.

In der Soziometrie von J.L. Morenos fand von Wiese eine Bestätigung seiner Beziehungslehre.


  • "Zur Grundlegung der Gesellschaftslehre" (Habilitationsschrift), 1906
  • "Das Wesen der politischen Freiheit", 1911
  • "Politische Brief über den Weltkrieg", 1914
  • "Gedanken über Menschlichkeit", 1915
  • "Staatssozialismus", 1916
  • "Liberalismus", 1917
  • "Der Schriftsteller und der Staat", 1918
  • "Strindberg, ein Beitrag zur Soziologie der Geschlechter", 1918
  • "Wegweiser für das Studium der Soziologie oder Gesellschaftslehre an dt. Hochschulen", 1921
  • "Das Dorf als soziales Gebilde" (Ergänzungsheft zu den Kölner Vierteljahrsheften), 1928
  • "Die Funktion des Mäzens im gesellschaftlichen Leben", 1929
  • "System der Allgemeinen Soziologie", 1933
  • "Sozial, geistig, kulturell", 1936
  • "Der gegenwärtige internationale Entwicklungsstand der allgemeinen Soziologie" in: "Reine und Angewandte Soziologie", Festgabe für F. Tönnies, 1936
  • Mit Pierre Jolly: "Analyse des mobiles dominants qui orientent l’activité des individus dans la vie sociale." Vol. 2: Contributions de Dr. Léopold von Wiese & Pierre Jolly. Bruxelles/Paris: Institut de Sociologie Solvay, Recueil Sirey 1938 (Reihe: Université Libre de Bruxelles, Enquêtes sociologiques. Band 1.) (deutsch: "Die individuellen Bewegkräfte im sozialen Leben")
  • "Les fondements de la Sociologie Relationelle" in: "Melanges Economiques et Sociaux offerts à Emile Wittmeur", 1939
  • "Homo Sum, Gedanken zu einer zusammenfassenden Anthropologie", 1940
  • "Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft", 1947
  • "Spätlese", 1950
  • "Abhängigkeit und Selbstständigkeit im sozialen Leben", 1951
  • "Das Soziale im Leben und Denken", 1956
  • "Soziologie. Geschichte und Hauptprobleme", 1957
  • "Briefe an eine Studentin", 1958
  • "Philosophie und Soziologie", 1959
  • "Ethik der sozialen Gebilde", 1961
  • "Wandel und Beständigkeit im sozialen Leben", 1964
  • "Der Mensch als Mitmensch", 1964
  • "Das Ich und das Kollektiv", 1967
  • "Der Mitmensch und der Gegenmensch im sozialen Leben der nächsten Zukunft", 1967
  • "Gleichheit und Ungleichheit im zwischenmenschlichen Leben", 1967

Er schrieb ebenso viele Aufsätze und Abhandlungen in diversen einschlägigen Zeitschriften:

  • "Kölner Zeitschrift für Soziologie"
  • "Schmoller's Jahrbuch"
  • "Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie"
  • "Weltwirtschaftliches Archiv"
  • "Zeitschrift für Nationalökonomie"
  • "Neue Generation", u.a.

Weiters lieferte er einige Beiträge für Sammelwerke, u.a. zu:

  • "Versuche zu einer Soziologie des Wissens, 1924
  • "Handwörterbuch der Sexualwissenschaften", 1926
  • "Handwörterbuch der Soziologie", 1931
  • "Wörterbuch der Volkswirtschaft", 1931
  • "Gründer der Soziologie", 1932
  • "Handwörterbuch der Sozialwissenschaften", 1953

Er war außerdem Herausgeber und Schriftleiter bei folgenden Publikationen:

  • "Wirtschaft und Recht der Gegenwart", 1912
  • "Soziologie des Volksbildungswesens", 1921
  • "Beiträge zur Beziehungslehre", (Ergänzungshefte zur Kölner Vierteljahrsschrift für Soziologie), 1928
  • "Kölner Zeitschrift für Soziologie", 1928 bis 1934 und 1948 bis 1954
  • "Verhandlungen der dt. Soziologentage", 1922 bis 1954 (mit Unterbrechung)
  • "Handwörterbuch der Sozialwissenschaften", 1953

Das Werk in Themen und Thesen

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Das Hauptaugenmerk der Soziologie richtet sich für ihn auf die „soziale Sphäre“, in der Menschen miteinander umgehen, also soziale Beziehungen haben. Das Geflecht dieser Verbindungen nennt er „Soziales Beziehungssystem“.

Von Wiese erarbeitet vier Grundkategorien des Sozialen, die das zwischenmenschliche System zusammen- und aufrechterhalten sollen.

  • Sozialer Abstand
  • Sozialer Prozess
  • Sozialer Raum
  • Soziale Gebilde

Von Wiese meint, das Zwischenmenschliche sei ein Zyklus ständiger Lösungs- und Bindungsprozesse. Diese ständige Distanzveränderung, die einen sozialen Prozess darstellt, ist der eigentliche Kern seiner Beziehungslehre.

Da es für ihn in der Sozialsphäre nichts anderes gibt als „soziale Prozesse“, ist eine dynamische Betrachtung der sozialen Interaktionen unabdingbar.

Insofern, als sie aus sozialen Prozessen resultieren, stellen „soziale Gebilde“, wie Staat, Kirche, Vereine ebenso einen wesentlichen Begriff dar: Soziale Prozesse, die in ihren grundlegenden Aspekten immer wieder gleich verlaufen und zu immer wieder gleichen Beziehungen führen, ergeben "soziale Gebilde". Diese sind zwar nicht sinnlich wahrnehmbar, haben aber „lebensbeeinflussende Wirkung“.

Daraus ergeben sich für Wiese 2 Hauptaufgaben der Soziologie:

  1. Analyse und Ordnung der sozialen Prozesse
  2. Analyse und Ordnung der sozialen Gebilde

Weiterführend unterscheidet er die sozialen Prozesse in Grundprozesse des Bindens (A-Prozesse) und des Lösens (B-Prozesse) und gemischte Prozesse (M-Prozesse). Diese wiederum werden ihrer Ordnung nach weiter unterschieden in 1. und 2. Ordnung.

Die Analyse sozialer Gebilde bringt eine Unterscheidung zwischen abstrakten Gebilden, Gruppen und Massen. Die weiterführende Einteilung erfolgt in große, kleine, drei- bzw. zweigliedrige Gruppen. Die Betrachtung der zweigliedrigen Gruppe, des Paares brachte ihm die Erkenntnis, dass Paare immer anders handeln, als die einzelnen Personen alleine handeln würden. Mit seiner Unterteilung fährt er fort, indem er zwischen typischen (Freund/Freundin) und atypischen Paaren (Schüler/Lehrer) unterscheidet.

Rezeption und Wirkung

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Wiese wird als der „Chemiker“ unter den Soziologen angesehen. Er versuchte, durch eine Einordnung sozialer Prozesse in Kategorien, eine auf die Soziologie anwendbare Systematik festzulegen. Für die Betrachtung persönlicher Beziehungen in der Soziologie gibt Wiese’s Ansatz noch heute wertvolle Anregungen. Aufgrund seines verstärkten Interesses der Systematisierung und Kategorisierung der sozialen Prozesse mangelt es aber an der tieferen Auseinandersetzung und Beschreibung sozialer Prozesse. Dies ist auch der ausschlaggebende Grund für den Untergang seines theoretischen Ansatzes.

Seine Beziehungslehre jedoch hatte vor der Zeit des Nationalsozialismus eine bedeutende Stellung inne. Das "Archiv für Beziehungslehre" mit seinem ständigen Diskussionsteil war fixer Bestandteil der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie“. Diese Zeitschrift ist die Vorläuferin der heutigen „Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie“.


Literatur

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Internetquellen

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