Soziologische Klassiker/ Webb, Beatrice

Grundstruktur des Kapitels:

Biographie in DatenBearbeiten

Webb Beatrice

  • geboren am 22.1.1858 in Standish House, Gloucestershire
  • gestorben am 13.4.1943 in Passfield Corner in Liphook, Hampshire.


  • Vater: Richard Potter (1817-1892), Industrieller, Direktor der Great Western Railway und Teilhaber einer Holzfirma
  • Mutter: Lawrencina Potter, geborene Heyworth (1821-1882), Kaufmannstochter, Hausfrau
  • Geschwister: 8 Schwestern und 1 Bruder (als Kind verstorben)
  • Ehe: 1892 Sidney James Webb, seit 1929 1st Baron Passfield of Passfield Corner (1859-1947), Sozialreformer, Sozialpolitiker und Historiker, Staatssekretär für die Dominions (1929-1930)
  • Kinder: keine
  • Religion: protestantisch


22.1.1858: Beatrice Webb wurde als achtes von 10 Geschwistern in Standish House, Gloucestershire geboren. Sie wuchs in einem reichen viktorianischen Haushalt auf und genoss Privaterziehung, ausgenommen des einjährigen Besuchs einer Mädchenakademie.

1874-1874: Beatrice begleitete ihre Schwester Kate Richard Potter auf eine Reise in die USA, seitdem führte sie regelmäßig Tagebuch.

1879: Ihr soziales Bewusstsein erwachte, als sie unter Leitung ihrer Schwester Kate als Rent Collector im East End von London unterwegs war.

1882-1892: Nach dem Tod ihrer Mutter übernahm sie die Leitung des elterlichen Haushalts und wurde nach einem Schlaganfall des Vaters 1885 auch wichtige Beraterin bei dessen Unternehmungen. In diesen Jahren entwickelte sie sich zur Sozialforscherin, sie war stark beeindruckt vom Werk Auguste Comtes (1798-1957) und von Herbert Spencer (1820-1903), der sie 1887 als literarische Nachlassverwalterin benannte (Entzug dieser Erlaubnis 1892 nach ihrer Ehe mit einem Sozialisten).

1882-1884: In dieser Zeit hatte Beatrice Webb eine Beziehung zum späteren konservativen Politiker Sir Joseph Austen Chamberlain (1863-1937).

1883-1886: Beatrice Webb trat der Wohltätigkeitsorganisation "Charity Organization Society" (COS) bei. Allerdings begann sie nach und nach an den sozialen Möglichkeiten der Organisation zu zweifeln und trat wieder aus.

1886-1887: Sie wurde Mitarbeiterin am Projekt "Life and Labour of the People of London" ihres Cousins, des ehemaligen Industriellen und nunmehrigen Privatiers und Sozialforschers Charles Booth (1840-1916).

1888: Sie schloss Bekanntschaft mit der Fabian Society und entwickelte sich rasch zur Sozialisten, trat dann auch den Fabianern bei.

1892: Beim Tod des Vaters 1892 erbte sie ein Vermögen von 1.000 Pfund, was ihr ermöglichte, sich gemeinsam mit ihrem Mann ausschließlich auf ihre sozialen und politischen Aktivitäten zu konzentrieren. In diesem Jahr heiratete sie den damals führenden Fabianer Sidney James Webb, dem sie 1890 erstmals begegnet war.

1892-1928: In diesem Zeitraum lebte Beatrice Webb mit ihrem Mann in London, wo sie schon zuvor regelmäßig längere Zeit gewohnt hatte.

1894-1895: Der Unternehmer Henry Hutchinson stiftete der "Fabian Society" 10.000 Pfund; Beatrice und Sidney Webb schlugen vor, mit dem Geld einen neuen Typ von Universität zu gründen. 1895 wurde die London School of Economics and Political Science (LSE) gegründet.

1898: Das Ehepaar Webb macht eine einjährige Reise in die USA, Australien und Neuseeland.

1900: Zusammenschluss der "Fabian Society" mit der "Independent Labour Party", der "Social Democratic Federation" und führender Gewerkschaftler zum "Labour Representation Committee", welches bei den Wahlen zwei Sitze im House of Commons erreichte. Dennoch arbeitete Beatrice Webb mit allen Parteien zusammen, sofern sie ihre Zielsetzungen durchsetzen konnte.

1905-1909: Beatrice Webb entschied sich, bei der Royal Commission zur Erhebung der Armut in Großbritannien (Poor Law Commission) mitzuarbeiten. Sie veröffentlichte mit ihrem Mann einen Minority Report, der jedoch von der Regierung abgelehnt wurde.

1913: Mitbegründerin des Fabian Research Department, außerdem gründete sie in diesem Jahr mit ihrem Mann die Zeitung "The New Statesman".

1914-1920: Während des Ersten Weltkriegs und in den Jahren danach arbeitete sie an mehreren staatlichen Komitees mit: Committee on Grants-in-Aid of Distress (1914-1915), Statutory War Pensions Committee (1916-1917), Reconstruction Committee (1917-1918), Committee on the Machinery of Government (1918-1919), War Cabinet Committee on Women in Industry (1918-1919), Lord Chancellor's Advisory Committee for Women Justices (1919-1920).

1923-1929: Ihr Ehemann wird Mitglied des House of Commons für die "Labour Party".

1928-1943: In dieser Zeit lebte sie mit ihrem Mann in Liphook (Passfield Corner), Hampshire.

1929: Webb's Mann wurde als 1st Baron Passfield of Passfield Corner nobilitiert und sie übernahmen einen Sitz im House of Lords. Beatrice Webb lehnte den Titel einer Dame Passfield ab.

1932: Beatrice Webb wurde als erste Frau in die British Academy gewählt. Zuvor erhielt sie bereits Ehrendoktorate der Manchester University (1909), der University of Edinburgh (1924) und der Universität München (1926). Im selben Jahr reiste das Ehepaar Webb in die Sowjetunion; seither unterstützten sie trotz der bestehenden Vorbehalte das ökonomische Experiment in der Sowjetunion.

1938: Beatrice Webb wurde zur Ehrenpräsidentin der vereinten "Fabian Society and Fabian Research Bureau" ernannt.

Historischer KontextBearbeiten

1883 wurde Beatrice Webb zu einem Mitglied der Fabian Society http://fabians.org.uk/. Die Fabian-Gesellschaft ist eine britische sozialistische intellektuelle Bewegung, die durch ihre wegweisende Arbeit im späten 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg bekannt wurde. Vergleichbare Gesellschaften bestehen in Australien und Neuseeland.

Der Fabianismus fokussiert sich auf die Weiterentwicklung sozialistischer Ideen durch beständige Einflussnahme auf mächtige intellektuelle Kreise und Gruppen. Die Fabian Society bereitete im 19. Jahrhundert den Weg für die Gründung der britischen Labour Party und ist auch heute noch aktiv. Sie wurde am 4. Januar 1884 in London ins Leben gerufen, als ein Ableger einer 1883 gegründeten Gruppe, die sich The Fellowship of the New Life nannte, und zu der zum Beispiel die Dichter Edward Carpenter und John Davidson, der Sexualforscher Havelock Ellis und Edward Pease, der spätere Sekretär der Fabian Society gehörten.

Da Beatrice Webb 1892 den damals führenden Fabianer Sidney James Webb heiratete und mit ihm eng zusammenarbeitete, ergaben sich daraus natürlich Themen, die sie beschäftigten und die ihre Werke beeinflussen, z.B. "Wages of Men and Women - Should they be equal?"


WerkeBearbeiten

Werke von Beatrice Webb:

  • Cooperative Movement in Great Britain (1891)
  • Wages of Men and Women: Should they be equal? (1919)
  • My Apprenticeship (1926)
  • Our Partnership (1948)


Werke von Beatrice und Sidney Webb:

  • History of Trade Unionism (1894)
  • Industrial Democracy (1897)
  • English Local Government Vol. I-X (1906 bis 1929)
  • The Manor and the Borough (1908)
  • The Break-Up of the Poor Law (1909)
  • English Poor-Law Policy (1910)
  • The Cooperative Movement (1914)
  • Works Manager Today (1917)
  • The Consumer's Cooperative Movement (1921)
  • Decay of Capitalist Civilization (1923)
  • Methods of Social Study (1932)
  • Soviet Communism: A New Civilization? (1935)
  • The Truth About Soviet Russia (1942)


Rezeption und WirkungBearbeiten

Beatrice Webb gründete 1895 die London School of Economics and Political Science http://www.lse.ac.uk/, abgekürzt LSE. Sie ist eine der weltweit führenden Universitäten in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Die LSE ist eines der weltweit einflussreichsten Zentren für die politischen Debatten unserer Zeit, 39 aktuelle oder ehemalige Staatsoberhäupter und Regierungschefs, wovon 8 sich im Moment im Amt befinden, haben an der LSE studiert. Die Zeitung "The Guardian" bescheinigt der LSE "mehr Einfluss auf die derzeitige politische Welt als jede andere Hochschule auf der Erde". Das hohe wissenschaftliche Renommee zeigt sich in den bislang vierzehn an Absolventen oder Professoren der LSE verliehene Nobelpreise für Wirtschaftswissenschaften, Frieden und Literatur. Der Direktor der LSE ist Howard Davies, Nachfolger des Soziologen Anthony Giddens.

Die LSE ist nicht zuletzt durch die große Anzahl an bekannter Absolventen bekannt. International bekannte Persönlichkeiten wie John F. Kennedy, Romano Prodi, David Rockefeller, der Norwegische Kronprinz Haakon, die Finanzgröße George Soros oder auch Rockstar Mick Jagger haben hier studiert.

Webbs Neffe, Sir Stafford Cripps, wurde ein bekannter britischer Labour Politiker in den 1930er und 1940 er Jahren.


InternetquellenBearbeiten