Soziologische Klassiker/ Veblen, Thorstein

Grundstruktur des Kapitels:

Biographie in DatenBearbeiten

 
Thorstein Veblen

Veblen Thorstein

geboren am 30. Juli 1857 in Cato, Wisconsin gestorben am 3. August 1929 in Menlo Park, Kalifornien


Familie:

Vater: Thomas Anderson Veblen (1819–1906), Zimmermann und Landwirt

Mutter: Kari Veblen (geb. Bunde) (1827–1907), Hausfrau

Beide 1847 aus Norwegen in die USA eingewandert


Geschwister: 11; unter anderem: Andrew Anderson Veblen (Prof. der Physik an der State University in Iowa City, Iowa); Oswald Veblen (Prof. der Mathematik an der Princeton University)

erste Ehe: 1888 – Ellen May Rolfe (1859–1929); Tochter eines Landwirtes; Scheidung 1912

zweite Ehe: 1914 – Ann Fessenden "Babe" Bradly (1877–1920); Anwaltstochter; Mutter von zwei Töchtern (Becky und Ann Bevans), die sie in die Ehe mitbringt


Biographie:

1857–1865: aufgewachsen in Valders, Wisconsin

1865–1874: lebte in Wheeling, Minnesota mit seiner Familie auf einer Farm

1874–1880: Besuch der Carleton College Academy in Northfield, Minnesota

1880–1881: Kurze Phase als Lehrer an der Monona Academy in Madison, Wisconsin (wurde aber 1881 geschlossen)

1881–1882: Studium der Philosophie und Ökonomie an der Johns Hopkins University, Baltimore, Maryland

1882–1884: Fortsetzung des Studiums der Philosophie an der Yale University in New Haven, Connecticut fort

1884: Ph.D. (Philosophy); Dissertation: "The Ethical Grounds of a Doctrine of Retribution"

1884–1888: Veblen findet als Lehrer keine Arbeit und kehrt auf die Farm der Eltern nach Wheeling zurück. Publikationen für östliche Zeitungen und Magazine

1888: Heirat mit Ellen May Rolfe

1888–1891: Veblen versucht vergebens Arbeit als Lehrer zu finden und übersiedelt schließlich mit seiner Frau auf die Farm seines Schwiegervaters in Spacyville, Iowa (Kurze Zeit Tutor am Cedar Valley Seminary in Osage, Iowa ) (Übersetzung der norwegischen "Laxdæla saga" ins Englische)

1891–1892: Wiederaufnahme des Studiums der Wirtschafts- und Finanzwissenschaften an der Cornell University in Ithaka, New York

Universitätsstipendium durch James Laurence Langhlin (1850–1933)

1892–1906: Veblen lebt in Chicago, Illinois

1892–1893: Teaching fellowship durch James Laurence Langhlin an der University of Chicago; lernte dort den Soziologen William I. Thomas kennen

1892–1906: unterrichtete political economy an der University of Chicago

1899: erstes Buch: "The Theory of the Leisure Class"

1896–1905: Herausgeber der Zeitschrift "The Journal of Political Economy" (gegründet von James Laurence Langhlin)

1906: Veblen wird aufgrund seiner unkonventionellen Lebensweise und seines zunehmend schlechten Rufes (war bekannt als "womanizer")von der Universität entlassen

1906–1910: Veblen lebt in Palo Alto, Kalifornien;

bis 1909: Associate Professor of Economics an der Leland Stanford Junior Memorial University in Palo Alto

1910–1918: Veblen lebt in Columbia, Missouri

1911–1918: Dozent an der University of Missouri

1914: zweite Ehe mit Ann Bradly

1918: Veblen beendete seine Laufbahn als Universitätsprofessor und ist kurzzeitig bei Food Administrations des US Government angestellt

1918–1927: Veblen lebt in New York City, wo er an der New School of Research doziert

1918–1919: Herausgeber der Zeitschrift "The Dial"

1918–1926: Mitbegründer und Mitglied der Faculty at the New School of Social Research in New York City

1920: Tod seiner zweiten Frau Ann

1926: Veblen tritt in den Ruhestand ein und lebt bis zu seinem Tod 1929 (Herzversagen) mit seiner Stieftochter in Menlo Park, Kalifornien

Historischer KontextBearbeiten

Thorstein Veblen wurde hauptsächlich vom amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) und der Großen Depression (1873–1896) geprägt. Als er mehr in den Osten Amerikas reiste, waren seine Gedanken schon von den landwirtschaftlichen Unruhen und dem Radikalismus vorgefärbt, der sich nach dem amerikanischen Bürgerkrieg im Mittleren Westen verbreitete.

Veblen dachte bzw. hoffte, dass die Ökonomie einige Antworten auf diese Krise geben könnte.


Theoriegeschichtlicher KontextBearbeiten

Thorstein Veblen traf in seinem Leben auf viele Persönlichkeiten, die bei ihm manchmal mehr und manchmal weniger Eindruck hinterließen. Einige der wichtigsten sind:


Lester Frank Ward (1841–1913)

Ein Soziologe, der mitunter dafür verantwortlich war, dass die Soziologie eine akademische Disziplin wurde. Er ging davon aus, dass sich die gesellschaftliche Armut durch planvolle staatliche Eingriffe lindern ließe. Diese Wissenschaft der Verbesserung der Gesellschaft, auch Meliorismus genannt, hatte großen Einfluss auf Veblens Denken.


William Graham Sumner (1840–1910)

Ein bekannter Yale Professor und Veblens einflussreichster Lehrer. Er war ein Befürworter einer industriellen Freihandelsgesellschaft und der laissez-faire-Wirtschaft.


Herbert Spencer (1820–1903)

Englischer Philosoph und Soziologe, der die gesellschaftliche Entwicklung als erster unter dem Aspekt der Evolutionstheorie (survival of the fittest) sah. Sein "Sozialdarwinismus" war prägend für Veblen.


James Laurence Laughlin (1850–1934)

Amerikanischer Ökonom und Mitbegründer des "Federal Reserve System". Unter anderem unterrichtete er an der University of Chicago, wo er auch Veblen kennen lernte, der bei ihm so großen Eindruck hinterließ, dass er ihm gleich zu einer sehr hohen und angesehenen Position verhalf.


Charles Sanders Peirce (1839–1914)

Aus Veblens späteren Werken zu schließen, war der kurzzeitige Dozent Peirce einer der wenigen Männer, die ihn in seiner Studienzeit schon weitreichend beeinflusst haben.


Veblen beschäftigte sich weiters mit den Werken von Kant, Hume und Rousseau. An der University of Chicago machte er Bekanntschaft mit John Dewey, mit dem er auch die "New School for Social Research" gründete, William I. Thomas und Jacques Loeb.


WerkeBearbeiten

  • Why is Economics not an Evolutionary Science? (1898)
  • The Theory of the Leisure Class (1899)
  • The Journal of Political Economy (Herausgeber von 1896 bis 1905)
  • The use of loan credit in modern business (1903)
  • The Theory of Business Enterprise (1904)
  • The Instinct of Workmanship and the State of the Industrial Arts (1914)
  • Imperial Germany and the Industrial Revolution (1915)
  • An Enquiry into the Nature of Peace and the Terms of its Perpetuation (1917)
  • The Higher Learning in America. A Memorandum on the Conduct of Universities by Business Men (1918)
  • The Dial (Herausgeber von 1918-1919)
  • The Vested Interests and the State of the Industrial Arts (1919)
  • The Place of Science in Modern Civilisation and other Essays (1919)
  • The industrial System and the Captains of Industry (1919)
  • The Engineers and the Price System (1921)
  • Absentee Ownership and Business Enterprise in Recent Times: The Case of America (1923)
  • The Laxdæla Saga (1925)
  • Essays in Our Changing Order (1934)


Werke über Veblen:

  • "What Veblen taught. Selected writings of Thorstein Veblen." Edited by Weslay Mitchell.
  • "Thorstein Veblen. Selections from his work." With an introduction and commentaries by Bernard Rosenberg. 1963
  • "The writings of Thorstein Veblen." 11 Bände. 1964–1965
  • "Essays, reviews, and reports. Previously uncollected writings." Edited and with an introduction by Joseph Dorfman. 1973
  • "A Veblen Treasury. From leisure class to war, peace, and capitalism." Rick Tilman, editor. 1993
  • "The collected works of Thorstein Veblen." 1994


Das Werk in Themen und ThesenBearbeiten

The Theory of the Leisure Class

Thorstein Veblen gilt als Begründer des Institutionalismus, einer Schule, die gegen die Theorie und die Methode der klassischen Nationalökonomie gerichtet ist. Sie gewann vor allem in den Vereinigten Staaten an Bedeutung. Vieles von Veblens Werk ist nicht nur interessant für die Sozialwissenschaft, sondern wurde bald zu einem "Allgemeingut".


Die Theorie der Klasse der Müßiggänger, so die genaue Übersetzung, ist eine brillante Kritik an gesellschaftlichen Einrichtungen, Bräuchen, Sitten und Denkgewohnheiten. Die Gesellschaft ist durch den Konflikt zwischen dem egoistisch räuberischen Instinkt und dem Bedürfnis nach nützlicher Arbeit, das die Interessen der gesamten Gesellschaft fördern kann/soll, geprägt. Diese durch Arbeit produzierten Überschüsse werden von einer Minderheit in Besitz genommen, wodurch eben eine ausbeuterische Klasse entsteht, die durch ihre als vorbildlich wirkende Lebensweise legitimiert wird. Jener Konflikt nimmt zwar im Laufe des Wandels verschiedene Formen an, beruht aber im Grunde immer auf dem gleichen Prinzip. Hinter fast jeder Handlung steht das Bedürfnis, sich vor anderen Menschen auszuzeichnen, sich von ihnen abzuheben, kurz: das Verlangen nach PRESTIGE. Dieses Streben nach Auszeichnung und Ansehen beschäftigt nicht nur die Oberschicht sondern ist auch in allen anderen Klassen zu finden, die dem Beispiel der Oberschicht nacheifern. Veblen übt nicht nur Kritik an dem Nationalökonomie-Modell der Neoklassik, sondern auch an der Vorbildlichkeit der Oberklasse.

Wie auch Pierre Bourdieu etwa hundert Jahre später, geht auch Veblen auf das kulturelle Kapital ein, das den sozialen Status verteidigen soll. Er spricht auch die Konsumkraft der Neureichen und vom so genannten "überlegenen Geschmack" oder "bemerkenswerten Konsum", der sich aus der Nutzung von Überschüssen ergibt.

Als "vornehm" bezeichnet Veblen all das, was man besitzt, obwohl es völlig unnütz ist. Beispielsweise ist jene Kleidung vornehm, die teuer, elegant, unbequem usw. ist und an der erkennbar ist, dass die so eingekleidete Person unmöglich einer Tätigkeit nachgehen kann.

Veblen wertet alles ab, was nicht körperliches Mühen ist. "Nutzen" wird nur durch körperliche Arbeit gestiftet, die sich mit hohem Status nicht vereinbaren lässt.

Sein bleibender Beitrag ist eine Ethnographie des Wohllebens als Teil der Sozialstruktur moderner Gesellschaften.

Die einzige Hoffnung auf Änderung der bestehenden sozialen Verhältnisse gründet Veblen auf zwei Faktoren: Das Bedürfnis nach nützlicher Arbeit und die Erfindung der Maschine. Die Maschine zwingt den Menschen nämlich, rational und sachlich denken zu lernen.


In Veblens Werk werden zwei Tendenzen zum Ausdruck gebracht, nämlich seine Neigung zur illusionslosen Sachlichkeit und sein Glaube an eine in der Technik selbst vorgezeichnete gesellschaftliche Ordnung. Veblen glaubt nicht an die Fähigkeit des Menschen, eine bessere Ordung verwirklichen zu können, sondern allein die moderne Technik sei der einzig wirklich gute Erzieher der Menschen.


Rezeption und WirkungBearbeiten

Thorstein Veblen genoss eine große Leserschaft und war anfangs auch sehr beliebt bei seinen Schülern. Doch wie sein Privatleben waren auch seine wissenschaftlichen Anstellungen immer unstet. Er hatte viele Beziehungen und Affären, obwohl er verheiratet war. Darunter litt sein Ruf deutlich und er wurde als Frauenheld und "womanizer" bezeichnet. Veblen galt bei vielen Zeitgenossen auch als "gefährlich", aufgrund seiner unklaren Einstellung zum Marxismus-Leninismus. Dennoch war sein Einfluss auf die amerikanischen Zeitgenossen und auf spätere Generationen von Soziologen groß. Eher unbekannt blieb er jedoch außerhalb der USA.

Zu Veblens Anhängern gehörten u.a. Wesley Mitchell, Robert F. Hoxie und H.J. Davenport. "The Theory of the Leisure Class" verhalf ihm zu einem breiten Publikum und einer Reihe von Bewunderern, wie Lester Ward oder William D. Howells. Sein weiteres wichtiges Werk "The Theory of Business Enterprise" brachte ihm nicht mehr so zahlreiche positive Kritiken. Konservative Kritiker beschwerten sich über seinen Dekonstruktivismus und viele Radikalisten waren nicht einverstanden mit seiner Ablehnung des Marxismus.

Abgesehen von alledem wurde Veblen bald als Begründer der "American institutionalist school" angesehen, die es auch heute noch gibt.


LiteraturBearbeiten

  • Veblen, Thorstein (1986):
    "Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen, Ungekürzte Ausgabe"
    Frankfurt am Main
  • Oesterdiekhoff, Georg W. [Hrsg] (2001):
    "Lexikon der soziologischen Werke"
    Wiesbaden
  • Edgell, Stephen (2001):
    "Veblen in perspective. His life and thoughts"
    "Armonk, NY: Sharpe"


InternetquellenBearbeiten