Soziologische Klassiker/ Oppenheimer, Franz

Grundstruktur des Kapitels:

Biographie in DatenBearbeiten

Oppenheimer Franz

  • geboren am 30.03.1864 in Berlin


FamilieBearbeiten

  • Mutter: Oppenheimer Antonie (Lehrerin), geb. Davidson
  • Vater: Dr. phil. Julius Oppenheimer (Prediger an der jüdischen Reformgemeinde in Berlin)
  • Geschwister: Bruder, Prof. Carl Oppenheimer (Biochemie); Schwester, Paula Dehmel


Beruflicher WerdegangBearbeiten

  • 1881 bis 1885 Studium der Medizin in Freiburg und Berlin
  • 1885 Promotion bei Paul Ehrlich in Medizin
  • ab 1890 beschäftigte er sich zunehmend mit sozialpolitischen Fragen und wurde publizistisch tätig. Tätigkeit als Chefredakteur der "Welt am Montag"Oppenheimer arbeitet im selben Gebäude wie Friedrich Naumann der dort "Die Hilfe" herausgab
  • 1896 Veröffentlichung seiner ersten wissenschaftlichen Arbeit "Die Siedlungsgenossenschaft"
  • 1909 Promotion in Kiel zum Dr. phil. mit einer Arbeit über Ricardo David
  • 1909 bis 1917 Privatdozent in Berlin, anschließend für zwei Jahre Titularprofessor
  • 1919 bis 1929 ordentlicher Professor für Soziologie und theoretische Nationalökonomie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main- die erste ordentliche Soziologie-Professur Deutschlands. Sein Nachfolger war Karl Mannheim
  • 1934 bis 1935 Lehrtätigkeit in Palästina
  • 1936 wurde Oppenheimer zum Ehrenmitglied der American Sociological Association ernannt.
  • 1939 Emigration mit seiner Tochter nach Japan. Dort hatte er an der Keio-Universität einen Lehrauftrag den er jedoch aufgrund des sogenannten Kulturabkommens zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und Japan nicht ausführen konnte (Beschäftigungsverbot für jeden der den Nationalsozialisten missfiel) Oppenheimer hatte zwar ein Non-Quota-Visum, trotzdem wurde ihm die Aufenthaltserlaubnis in Japan wieder entzogen.
  • 1940 ging Oppenheimer nach Shanghai und von dort aus in die USA, wo er sich in Los Angeles niederließ. Seine jüngere Schwester, Steindorff Elise, Gattin von Georg Steindorff, lebte bereits dort.
  • 1942 war Oppenheimer Gründungsmitglied des "American Journal of Economics and Sociology
  • 1943 gestorben in Los Angeles


Historischer KontextBearbeiten

  • 1815 bis 1898 Otto von Bismarck
  • 1864 Krieg Preußens und Österreich
  • 1870/1871 deutsch-französischer Krieg
  • 1871 bis 1918 Deutsches Kaiserreich
  • 1888 Dreikaiserjahr
  • 1914 Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand
  • 1914 bis 1918 Erster Weltkrieg
  • 1918 Einführung des Frauenwahlrecht
  • 1919 Friedensvertrag von Versailles
  • 1929 Ausbruch der Weltwirtschaftskrise
  • 1919 bis 1933 Weimarer Republik
  • 1933 ernannte Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler
  • 1933 Ende der Weimarer Republik und Beginn der Diktatur des Nationalsozialismus
  • 1938 erwirkte Hitler den Anschluss Österreichs
  • 1939 löste der Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg aus


Theoriegeschichtlicher KontextBearbeiten

  • Oppenheimer betont bei der Herrschaftssoziologie die ursprünglich dichotome Typologie Otto von Gierkes und bezeichnet Herrschaft als Beziehung zwischen zwei rechtsungleichen sozialen Klassen. Herrschaft ist eine vertikale Sozialbeziehung. Genossenschaft eine horizontale Sozialbeziehung. (Im Gegensatz zur Herrschaftssoziologie von Max Weber, der Herrschaft wie folgt definiert: Herrschaft soll heißen eine Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden


WerkeBearbeiten

Werke in deutscher SpracheBearbeiten

  • Käufer und Verkäufer. Ein Beitrag zur wirtschaftlichen Kollektivpsychologie (1900)
  • Der Staat (1908/1929)
  • Theorie des Arbeiterlohnes (1909)
  • Normalität und Krise (1911)
  • Praktische Ökonomik und Volkswirtschaftspolitik
  • Wert und Mehrwert (1913)
  • Demokratie (1914)
  • Zur Theorie der Vergesellschaftung (1919)
  • Wissen und Werten (1924)
  • Der Antisemitismus im Lichte der Soziologie (1925)
  • Soziologische Streifzüge. Gesammelte Reden und Ausätze. Bd. 2. (1927)
  • Mein wissenschaftlicher Weg (1929)
  • Arbeitslosigkeit. Zu dem neuen Buch von J. M. Keynes (1937)


Werke in englischer SpracheBearbeiten

  • A First Program for Zionist Colonization (1903)
  • The State (1914/1922)
  • The Idolatry of the State (1927)
  • History and Sociologiy (1927)
  • Tendencies in Recent German Sociology (1932)
  • A Post-Mortem on Cambridge Economics (1943)


Werke in französischer SpracheBearbeiten

  • L'Etat: ses orgines, son évolution et son avenir (1913)
  • L'économie pure et l'économie politique (1914)


Werke in anderen FremdsprachenBearbeiten

  • De sociale questie en het socialisme. Een kritik op de Marxschen theorie (1913) Holländisch
  • De staat (1932) Holländisch
  • Devlet (2005) Türkisch
  • The cooperative movement in the world and in Israel. Selected Papers (1994) Hebräisch
  • To kratos (2002) Griechisch
  • Lun Guojia (1994) Chinesisch
  • A Demokrácia (1914) Ungarisch


Das Werk in Themen und ThesenBearbeiten

Gute Theorien und Theoretiker erkennt man laut Oppenheimer an ihren Prognosen. Richtig erkannte soziale Gesetze ermöglichen richtiges Vorhersagen von zukünftigen Entwicklungen. In seinem Roman "Sprung über ein Jahrhundert" (1932) hat sich Oppenheimer weiter vorgewagt als jeder andere Gesellschaftswissenschaftler seiner Zeit. 1932 sah er bereits atomare Waffen kommen und sprach davon, dass deren Vernichtungskraft so gewaltig sein würde, dass die Völker keine Kriege mehr gegeneinander wagen würden. Als andere noch den Erbfeind Frankreich zum Nachbaren wählten, schilderte Oppenheimer für das Jahr 2032 ein geeintes, grenzenloses Europa mit vorwiegend überschaubaren, regionalen Verwaltungen. Während die Welt ihre schwerste Wirtschaftskrise erlebte, sah Oppenheimer eine Gesellschaft voraus die keine Krisen mehr kennen würde und in der vor allem freie, selbstständige, genossenschaftlich geeinte Menschen ihre Geschäfte organisieren würden. Noch bevor in Deutschland überhaupt der erste Fernsehsender auf Sendung ging, prognostizierte er, dass im Jahre 2032 ein Bildtelefon in jedem Haushalt stehen würde und lautlose (Elektro-)Fahrzeuge über die ausgebauten Straßen gleiten würden.

Prof.Dr.med.et phil. Franz Oppenheimer ist Wegbereiter der "Sozialen Marktwirtschaft", einer Form des dritten Weges.


DemokratietheorieBearbeiten

Der Begriff Demokratie drückt den Anspruch auf die Mitherrschaft des Volkes (Demos) aus, ist jedoch theoretisch unscharf, da ein Anschwellen der Mitregierung auf breiter Basis logisch die ausgeübte Herrschaft (Kratie) der Minderheiten zurückdrängt.

Oppenheimer schreibt: "Herrschaft war nie etwas anderes als die rechtliche Form einer wirtschaftlichen Ausbeutung." "Da man nun die Herrschaft über sich selbst nicht dazu gebrauchen kann, sich selber auszubeuten,(...)so ist damit bewiesen, dass bei voller Verwirklichung der Demokratie die Demokratie aufhört, Kartie zu sein, und - Akratie wird."

Nach Oppenheimer ist eine Akratie "das Ideal einer von jeder wirtschaflichen Ausbeutung erlösten Gesellschaft". Die politische Aufhebung der Klassengesellschaft setzt ihre ökonomische Überwindung voraus. Alle Schwächen der Demokratie erwachsen aus den oliogratischen Resten der vordemokratischen Zeiten.[1]


StaatstheorieBearbeiten

Oppenheimer spricht von drei staatstheoretischen Quellen:

  • der Philosoph befasst sich mit dem Staat so wie er sein sollte
  • der Jurist befasst sich mit der äußeren Form des Staates
  • der Soziologe mit dem Inhalt, dem Leben der Staatsgesellschaft

Nach Oppenheimers weiter entwickelter soziologischer Staatstheorie zeigt die Geschichtsforschung, dass jeder Staat "seiner Entstehung nach ganz und seinem Wesen nach auf seinen ersten Daseinsstufen fast ganz eine gesellschaftliche Einrichtung ist, die von einer siegreiche Menschengruppe einer besiegten Menschengruppe aufgezwungen wurde, mit dem einzigen Zwecke, die Herrschaft der Ersten über die Letzte zu regeln und gegen innere Aufstände und äußere Angriffe zu sichern. Die Herrschaft hätte keinerlei andere Endabsicht als die ökonomische Ausbeutung der Besiegten durch die Sieger. Kein primitiver Staat der Weltgeschichte ist anders entstanden."[2]


SoziologieBearbeiten

"Wer einmal gelernt hat, dort zu zweifeln und zu fragen, wo die Normen es verbieten, kann grundsätzlich nie wieder aufhören." (Oppenheimer, System der Soziologie, Bd.1,S. 539)

Laut Oppenheimer ist es Aufgabe der Soziologie, die Bewegungsgesetze der Gesellschaft als Erkenntnisgegenstand zu erforschen wie vergleichsweise Naturwissenschaftler die Zusammenhänge in der Natur erforschen. Jedes Phänomen hat seinen Hintergrund bzw. Grund und den gilt es zu erkennen. Oppenheimer praktiziert in seinem Seminar und Freundeskreis das Sokratische Gespräch als Methode zur Gewinnung von Erkenntnis. Warum wissen wir das, was wir zu wissen glauben und wie gewiss ist dieses Wissen?

Wenn jemand den Beruf des Soziologen ergreifen will muss dieser Mensch Oppenheimer zu folgend gelernt haben, dort zu zweifeln und zu fragen, wo es die Norm verbietet, um zu relevanter Erkenntnis der ihn umgebenden Gesellschaft zu gelangen. Ab 1919 praktizierte Oppenheimer in Berlin als Ordinarius an der Universität Frankfurt am Main eine kritische Theorie und Soziologie des Wissens in der Ausbildung seiner Studenten. Sein Nachfolger im Amt Karl Mannheim, der später als Begründer der Kritischen Theorie und Wissenssoziologie zu Ruhm gelangte, hatte es bedauerlicherweise stets vermieden darauf hinzuweisen, dass die von ihm vertretene Geisteshaltung an dem übernommenen Lehrstuhl eine Tradition hatte und von den Studierenden nach Oppenheimer geradezu erwartete wurde. [3]


Soziologie als KunstlehreBearbeiten

Vom Standpunkt der Soziologie aus ist es nach Oppenheimer falsch, die Frage nach dem "Guten" oder "Bösen" im Menschen zu stellen. Statt dessen müsste die Frage lauten: "Kann man eine Gesellschaft auf solche Grundlagen stellen, dass jeder Einzelne durch sein Eigeninteresse überall zu einer Handlungsweise getrieben wird, die mit dem Gesellschaftsinteresse solidarisch ist? Wenn ja, dann brauchen wir uns um Vorstellungen und Wertungen nicht mehr zu sorgen." (Oppenheimer, System, Bd. I, S. 676)

Staatliche Steuern haben viel mit Verhaltenssteuerung der Bürger zu tun. Es gibt darum hier besonders viele Beispiele. Arbeitende Eltern können zum Beispiel die Kosten für die notwendige Kinderbetreuung teilweise mit ihrem Einkommen verrechen die Kosten die für eine Putzhilfe anfallen aber nicht. Der Gesetzgeber verlangt von den Eltern die einem Beruf nachgehen, dass diese einen Fremden für die Kinderbetreung einstellen damit sie selber Zeit zum Putzen haben. Nun können die Eltern wählen: Nehmen sie die knappe Zeit von ihrer beruflichen Tätigkeit weg, verzichten sie auf Einkommen, schaden sie ihren Kindern oder betrügen sie das Finanzamt indem sie Putzhilfen als Kinderbetreuung deklarieren. Schlechte Regeln führen zu schlechtem Handeln.

Oppenheimer erforschte außerdem, wie ein Naturwissenschaftler, die Gesetze menschlichen Handelns auf den Ebenen des Individuums, der Gruppe und der Gesellschaft. Er war allerdings der Ansicht, dass die daraus gewonnen Erkenntnisse nicht allein zur wissenschafltichen Erklärung von Vergangenem und zur Prognose von Zukünftigem genutzt werden könnten, sondern ebenso wie in den Ingenieurswissenschaften zur Konstruktion funktionierender Systeme beitragen würden. Die von Oppenmheimer beschriebene Kunst der sozialen Organisation (ebenda, S. 676) darf allerdings nicht falsch verstanden werden als sozial-technokratischer Neu-Entwurf einer Gesellschaftsordnung vom Schreibtisch aus, sondern zielt mehr auf Strategien zur Beseitigung der Ursachen von Störungen, die vorhandene Systeme mit ihren Regelungen historisch bedingt in sich tragen. Nicht den Kampf sah Oppenheimer als Triebfeder der gesellschaftlichen Evolution an, sondern das Bestreben zur (Selbst-)Heilung der Gesellschaft durch Ausstoßen der ursprünglichen Gewalt und der daraus entstanden Rechtsinstitutionen aus dem Gesellschaftskörper. [4]


Rezeption und WirkungBearbeiten

Assistenten am Lehrstuhl OppenheimersBearbeiten

  • Ackermann Walter (1889-1978); Prof. für Pädagogik in Deutschland
  • Goldstein Kurt (1878-1956); Prof. für Psychologie in den USA und Deutschland
  • Kraft Julius (1898-1960); Prof. für Philosophie und Soziologie in Holland, Deutschland und USA
  • Sternberg Fritz (1895-1963); Assistent 1919-1923, marxistischer Politiker und Ökonom


Bekannte Studenten OppenheimersBearbeiten

  • Adolf Reichein (1898-1944); Reformpädagoge, Wirtschaftswissenschaftler und Politiker (SPD)
  • Gerhard Colm (1897-1968); Prof. für Finanzwissenschaft] in Deutschland
  • Ludwig Erhard (1897-1977); Bundeswirtschaftsminister und Bundeskanzler (CDU)
  • Heimann Eduard (1889-1967)
  • Adolph Lowe (1893-1995); Prof. für Ökonomie in Deutschland und USA
  • Erik Nölting (1892-1953); Wirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen (SPD)
  • Preiser Erisch (1900-1967); Prof. für Ökonomie in Deutschland
  • Kurt Rosenfeld (1877-1943); Politiker und Anwalt (SPD)
  • Salomon-Delatour Gottfried (1892-1964); Prof. für Soziologie in Deutschland, Frankreich und USA
  • Tiburtius Joachim (1889-1967); Senator für Volksbildung in Berlin
  • Paul Tillich (1886-1965); Prof. für Philosophie und Theologie in Deutschland und USA


Weggefährten von Franz OppenheimerBearbeiten

  • Leonhard Nelson (1882-1950)
  • Gottfried Salomon-Delatour (1892-1964)


LiteraturBearbeiten

  • Werner Kruck:
    "Franz Oppenheimer - Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft und Selbsthilfegesellschaft"
  • Ludwig Erhard:
    "Franz Oppenheimer, dem Lehrer und Freund"
  • Erich Preiser (1964):
    "Franz Oppenheimer. Gedenkrede zur 100. Wiederkehr seines Geburtstages, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 176/1964
    S. 481-491
  • Alex Bein:
    "Franz Oppenheimer als Mensch und Zionist"


InternetquellenBearbeiten


EinzelnachweiseBearbeiten

  1. http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Oppenheimer#Demokratietheorie
  2. http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Oppenheimer
  3. http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Oppenheimer#Soziologie
  4. http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Oppenheimer#Soziologie_als_Kunstlehre