Soziologische Klassiker/ Newcomb, Theodor M.

Grundstruktur des Kapitels:


Biographie in Daten

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Newcomb Theodore

  • geborenam 24. Juli 1903 in Rock Creek, Ashtabula Country (Ohio)
  • gestorben am 28. Dezember 1984


Ausbildung:

verschiedene Grundschulen; High School in Cleveland bis 1924; ab 1924Union Theologial Seminary in New York für 2 Jahre; Wechsel zum Studium der Psychologie in Columbia; 1929: Abschluss des Doktorates der Psychologie in Columbia


Karriere:

  • Herbst 1929: erste Einstellung am Psychology Department an der Lehigh University; Newcomb wechselt bald seine Stelle zur Cleveland Coellege Western Reserve University. Dort war er 5 Jahre lang angestellt
  • am 27. August 1931 heiratet Newcomb Mary E. Shipherd; Anschluss an die Sozialistische Partei während der Depression der frühen 30er;
  • 1934: Jobwechsel zum neuen Bennington Mädchencollege in Vermont. Das College kam mit seinen Lehrmethoden nicht zu Recht; Newcomb verbrachte 7 Jahre in Vermont. Danach erhält er eine Einladung von Murphy und seiner Frau nach Columbia;
  • 1937: Newcomb und die Murphys veröffentlichen eine Neuauflage "Experimentelle Sozial Psychologie"
  • 1930er "Bennington Studys"; Newcomb sah das College als große longitudinale Naturstudie
  • 1943: "Persönlichkeit und Soziale Veränderung"
  • 1941: Newcomb nimmt eine neue Stelle an der University of Michigan an
  • Dezember 1941: Pearl Habour; USA wird in den 2. Welt Krieg verwickelt. Newcomb geht nach Wachington D.C. und arbeitet mit einem Soziologischen Sonderkommite für Kriegssituation
  • 1945: Newcomb kehrt nach Michigan zurück und wird dort Leiter der Fakultät für Psychologie und Soziologie
  • 1945-1946: Präsident der Society for the Psychological Study of Social Issues
  • 1948-1949: Präsident der Abteilung für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie der APA (American Psychological Association)
  • 1952: Newcomb nimmt mit der Unterstützung von W.W.Charters seine Arbeit in Bennington wieder auf.
  • 1953: Er veröffentlicht "Ein Zugang zu den Studien des Kommunikativen Aktes" (An Approach to the Study of Communicative Acts)
  • 1954 bis 1959: Newcomb gibt die Zeitschrift "Psychological Review" heraus.
  • 1955 - 1956: Präsident der APA
  • 1956 - 1957: Mitarbeiter am Center of Advanced Study in the Behavioral Sciences in Stanford
  • 1957: Nationale Auszeichnung für den Amerikanischen Akademiker für Kunst und Wissenschaft, verliehen von der American Educational Research Association
  • 1959 bis 1972: Leitende Stelle an dem Antioch College
  • 1959: Newcomb veröffentlicht seinen Basistext "Sozialpsychologie"
  • 1961: "Der Prozess der Bekanntschaft" (The Acquaintance Process) gilt als Meilenstein in der Entwicklung der Sozialpsychologie.
  • 1962: Kurt Lewin Memorial Award; Verliehen von der Society for Psychological Study of Social Issues
  • 1968: "Der Einfluss des College auf Studenten" (Impact of College on Students)
  • 1962 bis 1966: Newcomb verbringt immer wieder Zeit als Besucher am Western Behavioral Sciences Institute.

Er lehrt als Gastprofessor in San Diego und Santa Cruz (University of California) und als gesonderter Gastprofessor auf der York University (Toronto) und am Amherst College.

  • 1972: Erste jährliche Research Award;
  • 1974: Nationale Auszeichnung für den Amerikanischen Akademiker der Wissenschaften
  • 1976: Distinguished Scientific Contribution Award; Verliehen von der APA
  • 1980: Cooley-Mead Award; Verliehen von der American Sociological Association

Historischer Kontext

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Theodore Newcombs Jugend war eher durch die konservativen envagelischen, kalvinistisch Traditionen seiner Familie geprägt.

Newcomb erlebte die Depression der späten 20er und frühen 30er. Der 28. Oktober 1929 ging als "Schwarzer Donnerstag" (Black Thursday) als größter Börsencrash aller Zeiten in die Weltgeschichte ein. Viele Anleger waren plötzlich hoch verschuldet und es kam zur Wirtschaftskrise. 1923 erreichten die Kurse ihren endgültigen Tiefpunkt. Unzählige Firmen waren in finanziellen Schwierigkeiten und sahen sich gezwungen, ihre Arbeitskräfte zu entlassen. Es kam zur Massenarbeitslosigkeit. Nach diesem Vorfall wurden an der Börse Regeln aufgestellt, die festlegten, dass bei extremen Kursfall der Handeln kurzzeitig aussetzen würde.


Theodore Newcomb heiratete 1931 Mary E. Shipherd aus einer alten Oberlin Familie. Die Hochzeit fand genau ein Jahr vor dem wirtschaftlichen Tiefstand statt. Die Familie wuchs schnell durch die drei Kinder Esther, Suzanne und Theodore Jr. Die junge Familie litt stark unter der Wirtschaftsdepression. "Ich lerne gleich viel von leidenden Studenten und ihren Familien, wie von der Presse!", pflegte Newcomb in dieser Zeit zu sagen. Die Umstände bewogen ihn dazu, der Sozialistischen Partei bei zu treten.


1941 geht Newcomb nach Ann Arbor, um seine neue Stelle an der Universtity of Michigan anzunehmen. Am 7. Dezember 1941 greift die Militärmacht Japan, die Kriegsschiffe der US-Amerikanischen Streitmächte, die im Hafen von Pearl Habour lagen, unerwartet, in den frühen Morgenstunden, an. Dadurch wurde die USA plötzlich in den 2. Weltkrieg miteingebunden und war als Weltmacht gezwungen, zu handeln. Sie entschieden sich für den atomaren Angriff auf Hiroshima (wobei 70.000 Menschen starben und 80 % der Metropole zerstört wurden) und Nagasaki. Am 2. September 1945 wurde die bedingungslose Kapitulation von Japan unterschrieben.


Als die USA in den 2. Welktkrieg verwickelt wurde, musste Theodore Newcomb nach Washington D.C. fahren, um sich dort mit einem Soziologischen Komitee, das auf Grund des Kriegszustandes versammelt wurde, zu treffen. Newcomb arbeitete dort mit dem Foreign Broadcast Intelligence Service und der Office of Stretig Services zusammen. Außerdem verbrachte er einige Zeit in Europa und half bei der Umsetzung einer Umfrage über die US-Amerikanische Bomben Srategien. Am Ende des Krieges kehrte er nach Ann Arbor zurück, um Leiter für Psychologie und Soziologie an der University of Michigan zu werden.


Der Höhepunkt der Gewaltforschung waren eindeutig die 50er und 60er Jahre. Zu dieser Zeit waren auch Krieg, Holocaust und Rassenaufstände Themen, welche die Öffentlichkeit bewegten. Newcomb erlebte all diese Umstände selbst mit und gehörte zusammen mit Mustafer Sherif und Gordon Allport zu den Psychologen, die sich am meisten für die Antidiskrimierungspolitik einsetzten. Sie zeigten in Studien, wie wechselseitige Vorurteile durch Rassentrennung erzeugt und gefördert werden.


Theoriegeschichtlicher Kontext

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Einer von Newcombs Mentoren und späteren Freunden bzw. Arbeitskollegen war der Psychologe und Parapsychologe Gardener Murphy (1895 - 1979). Viele halten ihn für den zweit einflussreichsten Psychologen nach Sigmund Freud.

T. M. Newcomb wurde am Anfang seiner Karriere vorallem von Kurt Lewin (1890 - 1947), der vor allem durch die Feldtheorie bekannt wurde, beeinflusst. Er war für ihn,als erster Sozialpsychologe, ein Held. Durch ihn entwickelte er eine Faszination für die Faktoren, die bei sozialen Veränderungen in Gruppen zur Geltung kommen. Durch Lewin kam Newcomb auf die Idee das Bennington College als Langzeitstudie zu nutzen.

Eine andere einflussreiche Person für Newcombs Theorien war Fritz Heider (1896 - 1988). Er war ein österreichischer Gestaltpsychologe und gilt als Begründer der Attributionstheorie. Er wurde vor allem mit dem Aufsatz "Ding und Medium" bekannt. Heider stellte als erster Hypothesen über die kognitive "Balance" her, die später Newcomb als Grundlage für seine Balancetheorie dienten. In dieser Arbeit geht es hauptsächlich um das Verhalten von Dyaden (2er-Gruppen).


Newcomb, T.M. (1929) Does extroversion-introversion offer a clue for the prognosis and treatment of problem boys? Ment. Hyg. 14:919-25

Newcomb, T.M. (1939) Gardner & Lois Murphy; Experimental Social Psychology Wilmington, N.C.: Harper. Determinants of opinion. Pub. Opin. Q. 1:71-78.

Newcomb, T.M. (1942) Community roles in attitude formation. Am. Soc. Rev. 7:621-30

Newcomb, T.M. (1943) Personality and Social Change. Hinsdale, Il.: Dryden Press

Newcomb, T.M. (1946) The influence of attitude climate upon some determinants of information. J. Abnorm. Soc. Psychol. 41:291-302

Newcomb, T.M. (1947)Autistic hostility and social reality. Human Relations, 1, 69-86

Newcomb, T.M. (1950) Social Psychology. Hinsdale, Il.: Dryden Press

Newcomb, T.M. (1951) Social psychological theory: Integrating individual and social approaches. In Social Psychology at the Crossroads, eds. J. Rohrer and M. Sherif, pp. 31-49. New York: Harper and Brothers

Newcomb, T.M. (1952) Attitude development as a function of reference groups: The Bennington study. In Readings in Social Psychology, eds. G. E. Swanson, T. M. Newcomb, and E. L. Hartley, pp. 420-30. New York: Henry Holt. With W. W. Charters, Jr. Some attitudinal effects of experimentally increased salience of a membership group. In Readings in Social

Newcomb, T.M. (1953) Social psychology and group processes. Annu. Rev. Psychol. 4:183-214. Stanford: Stanford University Press. An approach to the study of communicative acts. Psychol. Rev. 60:393-404

Newcomb, T.M. (1956) The prediction of interpersonal attraction. (Presidential Address to American Psychological Association, September 1956) Am. Psychol. 2:575-86

Newcomb, T.M. (1957) Personality & social change;: Attitude formation in a student community, Holt, Rinenhart & Winston

Newcomb, T.M. (1958) Cognition of persons as cognizers. In Person Perception and Interpersonal Behavior, eds. Renato Tagiuri and Luigi Petrullo, pp. 179-90. Stanford: Stanford University Press

Newcomb, T.M. (1959) Social psychology;: The study of human interaction, Holt

Newcomb, T.M. (1961) The acquaintance process. New York: Holt, Reinhart and Winston.

Newcomb, T.M. (1963) Deviant subcultures on a college campus, University of Michigan

Newcomb, T.M. (1963) Stabilities underlying changes in interpersonal attraction. J. Abnorm. Soc. Psychol. 66:376-86

Newcomb, T.M. (1966) College peer groups;: Problems and prospects for research, Aldine Pub. Co

Newcomb, T.M. (1968) With K. A. Feldman. Impact of College on Students, vols. I and II. San Francisco: Jossey-Bass. 1970 With D. R. Brown, J. A. Kulik, D. J. Reimes, and W. R. Revelle. Self-selection and change. In The Cluster College, ed. Jerry Gaff, pp. 137-60. San Francisco: Jossey-Bass

Newcomb, T.M. (1971) Dyadic balance as a source of clues about interpersonal attraction. In Theories of Attraction and Love, ed. Bernard I. Murstein, pp. 31-45. New York: Springer.

Newcomb, T.M. (1972) The consistency of certain extrovert-introvert behavior patterns in 51 problem boys, (Unknown Binding), AMS Press

Newcomb, T.M. (1979) Reciprocity of interpersonal attraction: A nonconfirmation of a plausible hypothesis. Soc. Psychol. Q. 14:299-306.

Newcomb, T.M. (1980) The love of ideas. Autobiographical statement. Society 17(6):76-82.


Kochen, Manfred [Hrsg.] : The small world : a volume of recent research advances commemorating Ithiel de Sola Pool, Stanley Milgram, Theodore Newcomb / ed. by Manfred Kochen. -


Das Werk in Themen und Thesen

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Für Theodore M. Newcomb war das "Lernen" Zeit seines Lebens ein großes Thema. Er widersprach den althergebrachten Lernmethoden und glaubte, dass man den Lehrstoff auf eine intimere, aufregendere Art an den Schüler weitergeben müsse. Er beschäftigte sich mit sozialen Eigenschaften, Änderungen dieser Eigenschaften und Methoden der Persönlichkeitsmessung. Newcomb glaubte, dass das Experiment wissenschaftlich nicht so bedeutend wäre, wie die Beobachtung.


Die Balance Theorie

Fritz Heider (1940) glaubte bereits, dass es Tendenz des symmetrischen Fühlens in Beziehungen gab. Heider stellte das P-O-X Modell auf. P = Person O = andere Person X = Objekt (zB.:Auto) Es baut sich eine Dreiecks-Beziehung zwischen den einzelnen Elementen auf, die jeweils durch mögen bzw. nicht-mögen bestimmt ist. Das Dreieck befindet sich in Balance, wenn aus der Sicht von P die Beziehung positiv ist. Unbalanciert wäre zB.: folgende Situation: Die Person mag die andere Person und das Auto; Die andere Person jedoch mag das Auto nicht. Die Person will jedoch, dass die andere Person gleich denkt (das Auto mag), daher kann es zu einer Einstellungsänderung von O kommen. Damit wäre dann die Balance wieder hergestellt.

Newcomb führte 1953 das A-B-X Modell ein. Ausgehend von der Person A, wird nun zusätzlich die wahrgenommene Relation der Person B in das Modell eingefügt. Es geht also jetzt auch um die Meinung von A, wie er glaubt, dass B das Objekt oder A bewertet. X kann hier ein belebtes oder unbelebtes Objekt sein. Auch in Newcombs Modell endstehen wieder balancierte und unbalancierte Varianten. In diesem Modell geht es vor allem um Sympathie und interpersonelle Perzeption. Für die Überprüfung seines Modells designte er ein Feldexperiment, das der Benningtonstudie ähnelte und 2 Jahre dauerte.


Die Segregations-Aggressions-Theorie

Diese Theorie stammt von Newcomb und Sherif und formuliert Bedingungen durch die allgemein Bedrohungsgefühle gefördert bzw. abgebaut werden können. Sherif hatte bereits gezeigt, dass die Unterbindung bzw. Reduzierung der Kommunikation zwischen Gruppen aggressionsfördernd wirkt. Außerdem resultiert aus der Feindseeligkeit eine geminderte Kommunikation, was wiederum zu einer höheren Aggression führt: Ein Teufelskreis. Newcomb zeigte am Beispiel der Rassentrennung, dass dies zu einem eskalierenden Kreislauf aus Gewalt und Kontakreduktion führt. Die Segregations-Aggressions-Theorie erklärt also die Stabilität des kulturübergreifenden Phänomens Gewalt, ohne auf Triebe und Instinkte zurück zu greifen. Außerdem zeigt sie, dass Gewaltanwendung keine karthartische Wirkung hat, sondern ganz im Gegenteil die Gewalt noch mehr fördert. Die Theorie geht jedoch nicht auf die physischen Hintergründe ein und erklärt auch nicht, warum manche Menschen diesem Kreislauf entfliehen können und andere nicht.


Rezeption und Wirkung

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Zwar kommt Theodore Newcomb aus der Psychologie, doch wegen seines großen Intersses an Normen, Kleingruppen, interpersoneller Perzeption und anderen soziologischen Themen ist er auch für die Soziologie von großer Bedeutung. Er hatte eine lange Zeit seines Lebens die Leitung der Fakultäten für Psychologie und Soziologie in Michigan inne und konnte durch dieses Vorbild bewirken, dass viele neue Fakultäten für diese beiden Bereiche -wie Filialen- in der ganzen USA entstanden. Außerdem konnte er durch seine Langzeitstudien immer wieder aufzeigen, dass das Handeln von sozialen Faktoren beeinflusst wird. Dadurch konnte sich die Sozialwissenschaft als eher junge Wissenschaft etablieren.

Newcombs Segregations-Aggressions-Theorie ist heute noch von großer Bedeutung in Bezug auf das Thema "Vorurteile" in der Sozialpsychologie. Außerdem ist sein damit verbundener Einsatz für die Antidiskriminierungspolitik bis heute angesehen.

Newcomb arbeitete Zeit seines Lebens mit vielen seiner Studenten zusammen -was ihn teilweise sogar bei seiner eigenen Karriere einschränkte, jedoch sehr zum Vorteil seiner Schüler war. Darunter befanden sich der Sozialpsychologe Duane Alwin und W.W.Charter.


Literatur

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Internetquellen

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