Soziologische Klassiker/ Mead, George Herbert

Grundstruktur des Kapitels:

Biographie in DatenBearbeiten

Mead George Herbert

  • geboren am 27. Februar 1863 in South Hadley, Massachusetts
  • gestorben am 26. April 1931 in Chicago, Illinois


  • Vater: Hiram Mead (1827-1881), protestantischer Pfarrer und späterer College Professor
  • Mutter: Elisabeth Storrs Mead, geborene Billings (1832-1917)
    Lehrerin und spätere Präsidentin des Holyoke College
  • Schwester: Alice Mead, geboren 1859


  • 01.10.1891: Mead heiratet die Schwester seines Freundes Henry Castle,
    Helen Kingsbury Castle. Sie stribt am 25.12.1929. Ihr Tod geht G.H. Mead sehr nahe.
  • 1892: Sohn Henry Castle Albert Mead wird geboren. Er wird Physiker.


  • 1870: Die Familie Mead zieht nach Oberlin, Ohio. Sein Vater unterrichtet am Oberlin College, das für religiöse Orthodoxie bekannt war, aber auch für sein außerordentliches soziales Engagement und seinen Einsatz für die Gleichberechtigung von Frauen und Schwarzen.
    Seine Erziehung wurde sehr durch dieses religiöse Umfeld beeinflusst.
  • 1879-1883: Studium am Oberlin College, dass er 1883 mit einem B.A. abschließt.
  • 1883: Mead unterrichtet 4 Monate an einer Schule, wird aber, wegen seiner Art wie er disziplinäre Probleme löst, entlassen.
  • 1883-1887: Surveyor bei der Wisconsin Central Rail Road Company
  • 1887-1888: M.A. in Philosophie an der Harvard Universität, wo er unter anderem auch Psychologie, Griechisch, Latein, Deutsch und Französisch studiert. Während dieser Zeit ist er Tutor für die Kinder von William James (1842-1910).
  • 1888-1889: Studium der Philosophie und Psychologie an der Universität von Leipzig. Zu dieser Zeit beginnt er sich für Darwin zu interessieren.
  • 1889-1891: Mead führt seine Studien an der Universität von Berlin fort (Psychologie, Philosophie und Nationalökonomie).
  • 1891-1894: Er unterrichtet Philosophie und Psychologie an der Universität von Michigan. Um dieses Angebot anzunehmen unterbricht er die Arbeit an seiner Dissertation. Er hat sie nie beendet.

Hier wurde er beeinflusst von den Arbeiten vom Soziologen Charles Horton Cooley (1864-1929), dem Psychologen Alfred Lloyd und dem Philosophen John Dewey (1859-1952). Eine Freundschaft zwischen Mead und Dewey entstand.

  • 1894-1931: John Dewey holt Mead an die neu gegründete Universität von Chicago, als Assistenz Professor für Philosophie. Das neue Zentrum des "American Pragmatism" wird gegründet. Die "Chicago Pragmatists" wurden geleitet von James Haydn Tufts, John Dewey und George Herbert Mead.

Mead war dem Hull House (einer der ersten versuche moderner Sozialarbeit) aufs engste verbunden.

G.H. Mead engagierte sich stark im Kampf für Frauenrechte und wollte eine Reform des Jugendstrafrechts erzielen. Die Zeitung „Elementary School Teacher“ wurde von ihm herausgebracht und er war Vorsitzender eines Komitees für Probleme der Erziehung.

Weiters gehörte Mead lange Zeit dem City Club an, einer Vereinigung reformwillig gesinnter Intellektueller und Unternehmer mit Einfluss auf die Kommunalpolitik

  • 1907: Mead bekommt eine volle Professur an der Universität von Chicago. Diese Stelle behält er bis zu seinem Tod am 26.04.1931. Für das Studienjahr 1931/1932 wollte Dewey Mead für eine Professur an die Columbia Universität holen. Dazu kam es nicht mehr.


Historischer KontextBearbeiten

Zu seiner Studienzeit im College von Oberlin spitzte sich der Konflikt zwischen religiöser Dogmatik und der Ausbreitung der Naturwissenschaften zu. Die Evolutionslehre von Darwin stand hier im extremen Gegensatz zur christlichen Schöpfungslehre. Die naturwissenschaftliche Methodik wird für Mead zunehmend interessant, jedoch hält er an den moralischen Werten des Christentums fest. Er sucht nach einem Weg, der diese beiden Gegenpole miteinander verbindet.


Während seines Studiums in Leipzig und Berlin zeigt sich Mead sehr von der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung beeindruckt. Er hegt den Wunsch, ähnliches in angemessener Form auch in den USA zu fördern. Sein vorrangiges Interesse gilt sozialen Reformen. Er hofft auf eine Erziehung durch den Staat, die Verständigung und Solidarität unterstützt und somit zu einer gewaltfreien Einigung beträgt.


Als Mead 1894 an die Universität von Chicago wechselt, ist diese Stadt im Aufbruch. Durch die großen Ströme an Zuwanderern und die enorme kapitalistische Industrialisierung erlebt die Stadt ein unglaubliches Wachstum mit all seinen sozialen Problemen. Die neu eingerichtete Universität sollte helfen, diese Probleme zu bewältigen. So wendete sie sich sehr praktischen Problemen zu und suchte nach wissenschaftlichen Lösungen für kommunale Fragen.


Ein weiteres einschneidendes Erlebnis in Meads Leben war der Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg. Hier unterstützte G.H. Mead die Politik des Präsidenten (Woodrow Wilson).


Die letzten Jahre seines Lebens musste G.H. Mead viele Enttäuschungen erleben, da Ende der 20er Jahre die sozialreformerische Bewegung in Chicago durch eine restriktive und konservative Politik zurück gedrängt wurde.

Theoriegeschichtlicher KontextBearbeiten

Während seiner Studienzeit zeigte sich G.H. Mead sehr beeindruckt von den Lehren der deutschen philosophischen Tradition von Immanuel Kant und später den Idealisten Fichte, Schelling und Hegel. Vor allem war für ihn Kants kritische Philosophie von besonderer Bedeutung. Sie begründen die Grundrichtung von Meads Arbeiten.


Mead hegt in Harvard große Bewunderung für seinen Lehrer Josiah Royce. Er war auch Student von George Herbert Palmer. Später in Deutschland studiert er bei Dilthey, Ebbinghaus, Paulsen und Schmoller.


G.H. Mead zählt neben William James, John Dewey und Charles S. Peirce zu den führenden Vertretern des amerikanischen Pragmatismus. Eine eigenständige Strömung der amerikanischen Philosophie, bei der die Beziehung des handelnden Menschen, zu seiner natürlichen und sozialen Umwelt in den Mittelpunkt der Analyse gestellt wurde. Der Pragmatismus war Ende des 19 Jahrhunderts die führende Schule der amerikanischen Philosophie und damit maßgebend für die Entwicklung der Soziologie in den USA.


Mead, William I. Thomas, und Robert E. Park waren die Begründer der Chicagoer Schule der Soziologie. Sie entwickelten den Pragmatismus weiter und machten das Individuum, seine Identität und seine Beziehungen in seiner unmittelbaren Umgebung (Familie, Nachbarschaft, etc.) zum Objekt ihrer Untersuchungen. Sie entwickelten also einen eigenständigen mikrosoziologischen Ansatz.


WerkeBearbeiten

G.H. Meads Denken fand erst nach seinem Tod, vor allem durch seine Schüler,Verbreitung. Er selbst hat wohl Artikel und Aufsätze, nie jedoch ein Buch veröffentlicht.

  • The Philosophy of the Present. (1932/1959)
  • Mind, Self and Society (1934)
  • Movements of Thought in the Nineteenth Century (1936)
  • The Philosophy of the Act (1938)
  • Selected Writings (1964)


Das Werk in Themen und ThesenBearbeiten

Signifikante SymboleBearbeiten

Ausgehend von Darwins Analyse des Ausdrucksverhaltens von Tieren und dem Begriff der Gebärde bei Wilhelm Wundt entwickelt G.H. Mead seine Theorie der symbolvermittelten Kommunikation.

Sprache wird hier als signifikantes Symbol verstanden. Ein solches ist eine Geste (im Fall von Sprache ein Laut), die in dem der sie verwendet und im Interaktionspartner dieselbe Reaktion hervorruft. Im Gegensatz zur Konversation bloßer Gebärden, die bei Sender und Empfänger unterschiedliche Reaktionen hervorrufen kann. Signifikante Symbole müssen also die gleiche Reaktion in beiden Interaktionspartnern auslösen, aber auch in jedem, der an der Kommunikation teilnimmt oder teilnehmen könnte.


DenkenBearbeiten

Denken ist bei Mead internalisierte interne Kommunikation. Ein Kind erlernt zuerst, laut zu sich selbst zu sprechen, später ein inneres auf sich selbst bezogenes Gespräch zu führen und daraus entsteht die innere Kommunikation, ein abstraktes Vorwegnehmen möglichen Verhaltens, möglicher Reaktionen und Absichten. So wird durch signifikante Symbole Intelligenz möglich, denn nur durch diese Symbole kann Denken stattfinden.


„Taking the role of the other“Bearbeiten

Durch die signifikanten Symbole kann man das eigene Verhalten an den potentiellen Reaktionen des anderen ausrichten. Handeln wird vorhersagbar und eine gezielte Verbindung von Handlungen ist möglich. Somit entsteht ein gemeinsam verbindliches Muster wechselseitiger Verhaltenserwartungen – eine Rolle. Somit ist mit „taking the role of the other“ die Annahme der Rolle des anderen gemeint. Man nimmt hier nicht etwa die Rolle wirklich ein (und damit die Position des anderen), sondern erwirbt dadurch das Wissen darüber, was die Bezugsgruppen von einem erwarten.


I & Me = SelfBearbeiten

Der Begriff I meint das spontane, kreative ich, inklusive der biologischen Triebausstattung. Me hingegen ist die Vorstellung, die ich davon habe wie mich andere sehen, also das was ich aus den Reaktionen der anderen auf mich, über mich selbst erfahre und die Erwartungen, die Bezugspersonen an mich haben. Zukünftige Handlungen werden geprägt von früheren Reaktionen auf ähnliche Handlungen. Da mir aber mehrere Bezugspersonen gegenüberstehen, gewinne ich mehrere unterschiedliche „me“s. Diese müssen zu einem einheitlichen Selbstbild geformt werden. Dann kann das self entstehen.


Play & Game; der Signifikante Andere und der Generalisierte AndereBearbeiten

Als Play bezeichnet G.H. Mead nachahmende Rollenspiele (Bsp. Kaufladen) wo Kinder nicht auf koordinierte Weise miteinander spielen sondern vielmehr für sich selbst. Hierbei werden die Rollen des signifikanten Anderen übernommen (Bezugspersonen wie z.B. die Mutter oder der Vater). Der signifikante Andere ist es auch, der das Kind in der Sozialisation zum ersten Mal mit Reaktionen auf sein Verhalten konfrontiert. Bei diesen Spielen bezieht sich das Kind nicht auf jemand anderen, sondern die „imaginären Spielpartner“ folgen einer auf den anderen.

Game hingegen sind Sportspiele oder Wettkämpfe. Hier ist es notwendig, sich auf organisierte Weise nach festgelegten Spielregeln zu koordinieren (eigenes Team) und das Handeln des gegnerischen Teams vorauszuahnen und zu berücksichtigen.

Durch das Verinnerlichen dieser organisierten Einheit, dem Ausrichten des eigenen Handelns an einem für alle Handelnden gültigen Ziel, erlernt das Kind sich auf den generalisierten Anderen zu beziehen. Der generalisierte Andere ist quasi der Repräsentant der Gesellschaft. Der generalisierte Andere trägt so die Erwartungen der anderen, das kollektive Gewissen und die Regeln (Normen und Werte) im Allgemeinen, an das Individuum heran.

Das Kind überwindet die Teilung des me und erreicht das self, das in seinen Einstellungen zu sich einheitlich ist.

G.H. Mead betont aber, dass es keinen Widerspruch gibt, zwischen wachsender Individualität und wachsender Sozialität, weil das Individuum ja der sozialen Umgebung bedarf um ein einmaliges Selbst zu entwickeln.

Rezeption und WirkungBearbeiten

Wie bereits erwähnt hat G.H. Mead zu Lebzeiten kein Buch veröffentlicht und seine Wirkung beruht zunächst rein auf seine Lehrtätigkeit in Chicago und seinem Mitwirken an der Chicagoer Schule der Soziologie.

Seine Freundschaft zu John Dewey lieferte G.H. Mead auch Anregungen für seine Arbeit und umgekehrt. Dewey publizierte quasi unaufhörlich und erlangte bereits zu Lebzeiten große Beachtung und Bekanntheit. G.H. Meads Thesen hingegen fanden erst durch seine Schüler wahre Verbreitung.

Nicht nur John Dewey und G.H. Mead beeinflussten sich gegenseitig, solche Beeinflussung gab es auch zwischen Mead und W.I. Thomas.

Sein Schüler, Herbert Blumer, entwickelte aus seinen Ansätzen den symbolischen Interaktionismus als eigenes soziologisches Paradigma – was zu einer der führenden mikrosoziologischen Strömungen werden sollte.

Ein weiterer Schüler von Mead, Ellsworth Faris entwickelte die motivationstheoretischen Grundlagen in Meads Sinn weiter.


LiteraturBearbeiten

  • Kaesler, Dirk (1999):
    "Klassiker der Soziologie: Von Auguste Comte bis Norbert Elias"
    München
  • Münch, Richard (2003):
    "Soziologische Theorie, Band 1:Grundlegung durch die Klassiker"
    Frankfurt am Main
  • Münch, Richard (2003):
    "Soziologische Theorie, Band 2: Handlungstheorie"
    Frankfurt am Main


InternetquellenBearbeiten