Soziologische Klassiker/ Comte, Auguste

Grundstruktur des Kapitels:


Biographie in Daten

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Comte Isidore Marie Auguste François Xavier


  • Geboren am 19. Januar 1798
  • Gestorben am 5. September 1857


  • Geburtsort: Montpellier, im südwesten Frankreichs
  • Eltern: katholisch monarchisch gesinnt, Vater: mittlerer Beamter der Steuerkasse


  • 1807-1814: Gymnasium mit Internat
  • 1814-1816: Studium an der Ecole Polytechnique
  • 1817: Sekretär von Saint-Simon
  • 1819-1825: Herausgabe einiger Zeitschriften und Bücher
  • 1825: Heirat mit Caroline Massin
  • 1826: Vorlesungen über die „Philosophie positive“
  • 1826-1827: Nervenkrise, Nervenheilanstalt, Selbstmordversuch
  • 1829-1842: Comte schreibt verschiedene Bücher, hält Vorlesungen
  • 1842: Trennung von seiner Frau
  • 1844: lernt Comte Clotilde de Vaux kennen und verliebt sich in sie, sie will jedoch nur Freundschaft
  • 1846: Clotilde de Vaux stirbt
  • 1848: Gründung der positivistischen Gesellschaft [1]


Historischer Kontext

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Comte wuchs in einer katholischen Familie auf. Seine Eltern waren überzeugte Christen, der Glaube war nicht nur unreflektierte Tradition. Sie konnten nicht kirchlich heiraten, weil viele Priester geflohen waren und die Kirchen weltlichen Zwecken gewidmet wurden, oder in den Händen neuer revolutionärer Bekenntnisgemeinschaften waren. In Montpellier herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände zwischen königstreuen und revolutionären Strömungen. Die kleinbürgerlich-kleinliche Lebensauffassung bringt Comte in Widerspruch mit jener seiner seiner Familie. Comte findet in Daniel Encontre, einem protestantischen Mathematiklehrer ein Vorbild für sein Denken und Unterrichten. Auch viele seiner weiteren Lehrer beeinflussten ihn nachhaltig, so zum Beispiel: Petit, Thenard, Poisson und Ampere, allesamt hervorragende Wissenschaftler ihrer Zeit. Bei seinen Studien lernt Compte ein Weltbild kennen, in dem Gott und Übernatürliches keinen Platz mehr haben. Nur was mit der Naturwissenschaft begreifbar und erklärbar ist hat auch Wert. In späteren Schriften ändert sich seine Einstellung.

Das Denken Comtes ist geprägt von einer geschichtlich gesellschaftlichen Krise. Die französische Revolution und die Versuche, wieder zu einer sozialen Ordnung zu gelangen spielten eine wichtige Rolle. Comte sagt es gibt zwei grundlegende Kräfte, die nebeneinander beziehungsweise gegeneinander wirken. Die eine Kraft will soziale Auflösung und politische und moralische Anarchie. Die andere Kraft will einen geordnet-endgültigen sozialen Zustand der Menschheit. Das Problem besteht für Compte im gleichzeitigen Wirken dieser beiden Kräfte. Er stellt fest, dass die Zerstörung des theologischen Systems bereits weit fortgeschritten ist, jedoch ohne dass ein neues System des Denkens und der Sozialordnung installiert wurde.

Theoriegeschichtlicher Kontext

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Buchholz ist ein wichtiger Denker dieser Zeit und geht wie Comte in eine Richtung der positiven Philosophie. Comte wird auf Kant und Hegel aufmerksam. Wichtige Vorläufer waren Hume, Condorcet, de Maistre, Bichat und Gall und noch einen Schritt weiter zurück Bacon, Descartes, Leibnitz und Thomas von Aquin.


Hauptwerke:

  • 1822: Opuscule fondamentale oder auch Premier système de politique positive
  • 1830-1842: Cours de philosophie positive (sechs Bände)
  • 1851-1854: Système de politique positive (vier Bände)
  • 1852: Catéchisme positiviste
  • 1855: Appel aux conservateurs

Comte hat auch einige Aufsätze, Briefe und kleinere Werke geschrieben, wie beispielsweise Discours sur l'esprit positif, séparation generale entre les opinions et les désirs u.v.m.

Das Werk in Themen und Thesen

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Comte ist der Meinung, dass die öffentliche Moral verfällt, wenn keine allgemeinen Maximen beachtet werden. Es braucht gemeinsam geteilte, moralische und kognitive Orientierungen, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten. Meinungsstreit und Divergenz herrschen deshalb, weil drei miteinander unverträgliche Denkweisen (die theologische, die metaphysische und die positive) nebeneinander angewendet werden. Die Krise entstand, Comtes Ansicht nach, historisch, weil das mittelalterliche Nebeneinander von weltlicher und spiritueller Macht zerstört und jeglicher spiritueller Autorität Absage erteilt wurde.

Nach Comte mangelt es den modernen Gesellschaften nicht nur an allgemein gültigen Orientierungen und Maximen, sondern es fehlt ihnen auch an einer selbständigen spirituellen beziehungsweise geistigen Macht, die diese Orientierungen und Maximen vertreten und lehren könnte.

Die Lösung des Problems sieht Comte in einer neuen Doktrin, in einem neuen „Code von politischen und moralischen Anschauungen“, der von allen sozialen Klassen angenommen und akzeptiert werden kann. Ein neuer Geist, der das Ende des revolutionären Zustandes herbeiführen sollte. Dieser neue Geist muss mit wissenschaftlichen Mitteln entworfen werden. Politische und soziale Phänomene müssen nach naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden. Politik muss nach Art der Physik behandelt werden. Die positive Philosophie wird die geistige und moralische Integration der Gesellschaft erbringen. Diesem „Neuen Geist“ schreibt Comte eine erlösende Funktion zu, er wird die Revolution beenden und ein ruhiges geordnetes Zusammenleben ermöglichen. Erst wenn diese neue Doktrin durchgesetzt ist, kann nach Comte an eine Änderung des Regierungssystems, also an eine Erneuerung der Institutionen gedacht werden.

Compte ist darüber hinaus bekannt für das „Dreistadiengesetz“. Demzufolge durchläuft das menschliche Denken, (die Vorstellung und die Erkenntnis nacheinander), drei Stadien. Zu Beginn steht das theologische beziehungsweise fiktive Stadium, dann das metaphysische beziehungsweise abstrakte Stadium, um schließlich das wissenschaftliche beziehungsweise positive Stadium zu erreichen.

In späteren Jahren tritt Comte nicht mehr als Begründer der Soziologie, sondern als Begründer der Religion der Humanitè und als Hohepriester der Glaubensgemeinschaft auf. Es erfolgt eine umfassende Systematisierung aller Aspekte der menschlichen Existenz, Gefühle und Liebe spielen eine dominierende Rolle.

Rezeption und Wirkung

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Comtes Stil wirkt umständlich und „unelegant“. Er verwendet lange Satzkonstruktionen und stellt alles äußerst umfänglich und vollständig dar. Die zögernde Rezeption von Comtes Schriften wird auf die „Breite und Schwerfälligkeit, ja Verschwommenheit“ ihrer Darstellung zurückgeführt. Dies wurde auch von seinen Zeitgenossen des öfteren kritisiert. Für viele von ihnen pendelte Comte zwischen Genie und Wahnsinn. Stuart Mill stellte ihn beispielsweise auf eine Ebene mit Größen wie Descartes und Leibnitz.

Dogmengeschichtlich gilt Comte bis heute als wichtig. Nach Arnaud ist er aus der Mode gekommen ohne jemals in Mode gewesen zu sein. Die Soziologie hat sich hauptsächlich mit dem ersten Teil seines Werkes beschäftigt, obwohl auch das Spätwerk durchaus soziologisch relevante Gedanken enthält.

Der Positivismus ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer weltweiten Bewegung geworden. Der Gedanke, dass der soziale Fortschritt auf Wirklichkeitsorientierung und Verzicht auf Spekulation in den Wissenschaften angewiesen sei, fand eine breite Gefolgschaft. Comtes Gedanke, dass gesellschaftliche Vorgänge mittels der Soziologie als Wissenschaft berechenbar und planbar werden hat sich in den Sozialwissenschaften durchgesetzt. Comte behauptete mit der von ihm entwickelten Soziologie, die Krisen der Gesellschaft beheben zu können. Auch die Soziologie heutzutage begründet vor der Öffentlichkeit ihre Existenz damit, dass mit dem von ihr bereitgestellten Wissen die Krisen des sozialen Lebens gelöst werden können.

Emile Durkheim ist ein begeisterter Anhänger von Comte und Saint-Simon. Die von Mill und Littrè vorgenommene Teilung von Comtes Schriften in ein wissenschaftlich bedeutsames Hauptwerk und ein religiös versponnenes Spätwerk hat sich in der Rezeption durchgesetzt.


Literatur

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  • Aron, R. (1979):
    "Hauptströmungen des klassischen soziologischen Denkens"
    Reinbek bei Hamburg
  • Fuchs-Heinritz, W. (1998):
    "Auguste Comte"
    Opladen/Wiesbaden
  • Repplinger, R. (1997):
    "Zu Auguste Comtes Krisendiagnosen"
    Tübingen
  • Wagner, G.(2001):
    "Auguste Comte zur Einführung"
    Hamburg

Einzelnachweise

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  1. vgl. Aron, 1979, S. 112 ff