Gotisch/ Band1/ Konjunktionalsatz

Der Nebensatz mit Verben der AbsichtBearbeiten

Soll im Gotischen in einem Nebensatz eine Absicht ausgedrückt werden, dienen dazu die Konjunktionen ei und þei "um ... zu, damit". Als Modus wird dabei der Optativ gebraucht:

swa liuhtjai liuhaþ izwar in andwairþja manne, ei gasaihvaina izwara goda waurstwa jah hauhjaina attan izwarana þana in himinam.
"So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen."
(Mt 5,16)

Der Nebensatz mit Verben der ForderungBearbeiten

Dieser Nebensatztyp ist formal wie der Absichtssatz aufgebaut mit den Konjunktionen ei bzw. þei und einem Optativ. Die Verben drücken dabei ein Wollen, Befehlen, Verbieten, Fordern, Erstreben, Bedürfen oder Gewähren aus. Eine Übersetzung mit "damit" ist hier meist nicht möglich, häufig muss auf einen dass-Satz ausgewichen werden:

qiþandans: laisari, Moses gamelida uns, jabai hvis broþar gadauþnai aigands qen, jah sa unbarnahs gadauþnai, ei nimai broþar is þo qen jah urraisjai fraiw broþr seinamma.
"[Und sie] sprachen: Meister, Mose hat uns vorgeschrieben, wenn jemand stirbt, der eine Frau hat, aber keine Kinder, dass dann soll sein Bruder sie zur Frau nehmen und seinem Bruder Nachkommen erwecken."
(Lk 20,28)

Einmal in Skeir. 3,20 erscheint auch þatei anstelle von ei/þei.

Der Nebensatz mit Verben des MeinensBearbeiten

Ist das Verb des Hauptsatzes ein Verb des Meinens, Wunderns oder dergleichen, so gilt folgende Syntax:

  • Verb des Meinens und Hoffens: ei + Optativ potentialis
  • Verb des Glaubens und Trauerns: þatei + Indikativ
  • Verb des Wunderns und Freuens: þatei oder ei + Indikativ
Beispiel (Verb der Meinung)
iþ Iesus kunnands þatei munaidedun usgaggan jah wilwan <ina> ei tawidedeina ina du þiudana, afiddja aftra in fairguni is ains.
"Als Jesus vernahm, dass sie vorhatten zu kommen und <ihn> zu rauben, um ihn zu einem König zu machen, ging er erneut alleine fort in ein Gebirge."
(Joh 6,15)

Ausnahmen von diesen Regeln treten vereinzelt auf (z. B. Joh 8,56 mit Optativ statt Indikativ).

Der Nebensatz mit Verben des WissensBearbeiten

Handelt es sich beim Verb im Hauptsatz um ein Verb des Wissens, Hörens/Sehens, Erinnerns oder Mitteilens, so steht meist als Konjunktion þatei, seltener ei oder þei. Als Modus tritt der Indikativ aus; in seltenen Fällen der Optativ, z. B. in einer indirekten Rede. Diese Verben verlangen einen Akkusativ und der Nebensatz kann alternativ meist auch als Akkusativum cum Infinitivo ausgedrückt werden.

Beispiel
wiljauþ=þan izwis witan þatei allaize abne haubiþ Xristus ist.
"Und (-uh > -uþ vor þ-) ich möchte dann wissen, dass der Kopf von allen Männern Christus ist."
(1. Kor 11,3)

Modusverschiebung in einer indirekten RedeBearbeiten

Steht ein Verb in einer direkten Rede im Indikativ, so kann dieses in der indirekten Rede in den Modus Optativ wechseln. Diese sog. Modusverschiebung ist im Gotisch nicht stark ausgeprägt und häufig folgt der Übersetzer der griechischen Vorlage. Die Verschiebung tritt vor allem bei Aussagen ein, in denen ihr Wahrheitsgehalt angezweifelt bzw. offen bleiben soll.

Bsp.
jah jabai qeþjau þatei ni kunnjau ina, sijau galeiks izwis liugnja
"und wenn er sage, dass er ihn nicht kenne, dann sei er wie ihr ein Lügner."
(Joh 8,55)

Der TemporalsatzBearbeiten

Als temporale Konjunktionen fungieren im Gotischen miþþanei "während", þan, þanei "wann", unte "solange als, bis", faurþizei "bevor" und sunsei "sobald als". þande "weil" kann vereinzelt auch temporale Bedeutung haben (z. B. Joh 12,35f.), ebenso wie swe "wie" in Lk 1,41. Die Konjunktion faurþizei "bevor" verlangt einen Optativ, alle anderen verwenden den Optativ nur bei unsicheren Aussagen:

Bsp. (faurþizei "bevor" mit Optativ)
... jah haitan was namo is Iesus, þata qiþano fram aggilau faurþizei ganumans wesi in wamba.
"... und sein Name wurde Jesus genannt, wie vom Engel gesagt wurde, bevor er im Schoß empfangen wurde."
(Lk 2,21)

Der VergleichungssatzBearbeiten

Ein Vergleichungssatz wird mit swe oder swaswe "gleichwie" eingeleitet, die in der Regel ein Verb im Indikativ nach sich ziehen. In irrealen Sätzen tritt hingegen der Optativ Präteritum ein.

Bsp. Vergleichungssatz
sijaiþ nu jus fullatojai, swaswe atta izwar sa in himinam fullatojis ist.
"Seid ihr daher vollkommen, gleichwie euer Vater, der im Himmel vollkommen ist."
(Mt 5,48)

Man beachte, dass swaswe und swaei auch konsekutive Bedeutung haben kann und dann mit "so dass" übersetzt wird:

Bsp. Konsekutivsatz mit swaswe
... gamotidedun imma twai daimonarjos us hlaiwasnom rinnandans, sleidjai filu, swaswe ni mahta manna usleiþan þairh þana wig jainana.
"..., zwei von Dämonen Besessene, die aus den Gräbern kamen und sehr gefährlich waren, begegneten ihm, so dass niemand jenen Weg passieren konnte."
(Mt 8,28)