Geschichte und Politik Tibets/ Geschichte Tibets von 127 v.Chr. bis 1895

Geschichte Tibets von 127 v.Chr. bis 1895

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Um das Jahr 127 v. Chr. leben auf den Hochebenen Tibets viele verschiedene, ursprünglich nomadische Stämme, die ca. 50000 v. Chr. das Yarlung-Tal in Tibet besiedelt und sich von dort ausgebreitet haben. Erst 25000 Jahre später, also ca. 25000 v. Chr., sind diese Stämme allmählich sesshaft geworden und haben begonnen ihre Existenz durch Ackerbau zu sichern[1].

Laut Überlieferungen vereint nun im Jahre 127 v. Chr. der Führer eines dieser Stämme, Nyatri Tsänpo, die unabhängigen Stämme des tibetischen Hochlandes zu einem Reich, welches bis 842 n. Chr. von insgesamt 41 Königen, deren erster Nyatri Tsänpo selbst war, regiert wird[2]. In dieser Zeit dehnt sich das tibetische Reich durch militärische Aktionen immer weiter aus. Durch Okkupation Chinesisch-Turkestans, Nordindiens, des Königreiches Nepal und westchinesischer Gebiete erlangt Tibet eine bedeutende Stellung in Zentralasien. Schriftliche Zeugnisse dieser Gründungsgeschichte Tibets gibt es nicht, da erst unter Songtsän Gampo 617 Tibet eine Schrift erhält, die er selbst aus dem Indischen fertigt. Er reformiert Tibet und macht die Stadt Lhasa zum zentralen Verwaltungsapparat des Reiches. Um 640 ist Tibet mächtig genug, China zu einem „jährlichen Tribut von 50000 Rollen Seide“[3] zu zwingen.
Ein Jahr später heiratet Songtsän Gampo die Tochter des chinesischen Kaisers Tai Tsung, wodurch er den Einfluss Tibets weiter ausdehnt. Jedoch auch die Heirat einer weiteren kaiserlichen Tochter Chinas im Jahre 710 mit dem tibetischen König Tride Tsugten und das Abschließen eines Grenzvertrages können die vermehrt auftretenden Konflikte an der sino-tibetischen Grenze nicht verhindern. Nachdem sich aufgrund der angespannten Situation der chinesische Kaiser 763 weigert, den Tribut zu zahlen, dringen tibetische Truppen in China ein, besetzen die chinesische Hauptstadt Chang’an und setzen einen eigenen Kaiser in China ein, wodurch die Tributzahlungen und der Frieden zwischen beiden Staaten gesichert werden soll. Zu dieser Zeit wird der Buddhismus zur Staatsreligion Tibets, viele Klöster entstehen und die vorher in weiten Teilen Tibets verbreitete Naturreligion „Bön“ wird schnell von der neuen Glaubensrichtung abgelöst.

Im Jahre 842 endet die tibetische Königszeit durch den 41. König Wudum Tsenpo. Dieser verfolgt als Anhänger der eben genannten Naturreligion Bön Anhänger des Buddhismus und versucht, die ehemalige Religion wieder zu beleben. Mit dessen Ermordung durch einen buddhistischen Mönch zerfällt das Großreich Tibet in viele Kleinstaaten, der Kontakt mit China bricht ab. Tibets Einfluss geht zurück, und ebenso schwindet die Macht Chinas, da sich im Norden allmählich die Mongolen immer mehr als ernstzunehmender Feind hervorheben. Aus Sorge vor militärischer Einnahme unterwerfen sich 1207 „führende Adelige und Äbte Tibets“[4] dem mongolischen Führer Dschingis Khan. Damit vermeiden sie eine mongolische Invasion und können eine eigene Verwaltung aufrechterhalten. Etwa 40 Jahre später übernehmen die Mongolen jedoch die Herrschaft über Tibet und China, der Mongolenkaiser Kublai Khan übernimmt den Buddhismus und setzt den tibetischen Adeligen Sakya Drogön zum weltlichen Herrscher Tibets ein. Das Verhältnis zwischen den Machthabern beider den Mongolen unterstehenden Staaten ist ähnlich dem im mittelalterlichen Europa bekannten Verhältnis zwischen Papst und Kaiser: Der Lama aus Tibet fungiert als geistlicher Beistand des chinesischen Kaisers, während letzterer dem Lama militärischen Schutz bietet.

Der tibetische Fürst Changchub Gyaltsen löst 1350 die Herrschaft der Sakya ab und reformiert Tibet erneut. Nachdem Tibet seit fast 500 Jahren keine zentrale und vor allem eigenständige Regierung gehabt hat (unter der Herrschaft der Mongolen waren die Fürstentümer Tibets zwar geeint worden, jedoch unterstand die Regierung damals wie oben genannt den mongolischen Machthabern), erlangt es ebenso wie China mit dem Fall der mongolischen Yuan-Dynastie im Jahre 1368 seine Freiheit zurück. Changcub Gyaltsen verbessert die Infrastruktur Tibets durch den Bau von Straßen und Brücken, teilt das Reich in Verwaltungsbezirke und schafft durch einen Kodex über 13 Regeln Bestrafungen und die Prozessordnung betreffend Grundlagen einer Verfassung[5].

Während Tibet in der folgenden Zeit gute Beziehungen zu den Mongolen pflegt, bricht der Kontakt zu China vollends ab. In Tibet herrschen in den folgenden 274 Jahren verschiedene Königshäuser. Der Buddhismus wird immer einflussreicher. Viele Städte und Dörfer besitzen bereits eigene Klöster, in vielen werden verschiedene Richtungen der buddhistischen Lehre doziert, der Einfluss der Mönche wächst. Der jeweilige tibetische Machthaber kann seine Gunst beim Volk durch Fördern der verschiedenen buddhistischen Schulen verbessern, wodurch der Aufschwung des tibetischen Buddhismus weiter anhält.

Diese kulturelle Entwicklung sorgt jedoch für innertibetische Spannungen: So stehen die buddhistischen Lehren gegen die Erbfolge der Königshäuser. Die Macht steht folglich den Mönchen und vor allem ihren Lehrern zu, die die Begründer ihrer Glaubensschulen durch Reinkarnation fortleben lassen, und so wächst mit der Zeit die Autorität der Mönche. Das letzte tibetische Königshaus, das Haus der Tsangpa, erkennt das Schwinden seiner Staatsgewalt und verfolgt die Anhänger der einflussreichen Gelugpa-Schule. Diese buddhistische Schule ist, seit die Mongolen Tibet okkupierten, Staatsreligion des mongolischen Reiches, welches folglich den tibetischen Gelugpas zur Seite steht. Der V. Dalai Lama, Reinkarnation des Mitbegründers der Gelugpa-Schule, bittet den Mongolenfürst Gushri Khan um Unterstützung, welcher 1639 in Tibet von Nordosten her einfällt und das Tsangparegiment stürzt. Er setzt die Gelugpa-Lehre als Staatsreligion ein und macht den V. Dalai Lama zum religiösen Souverän Tibets. Während Gushri Khan die Oberherrschaft innehält und freie Entscheidungsmöglichkeit in Hinsicht auf die Landesverteidigung und Beschützung des Dalai Lama hat, besitzt der Dalai Lama selbst sämtliche Kontrolle über innenpolitische Angelegenheiten.

Nach Gushri Khans Tod 1654 endet der Fremdeinfluss auf Tibet vorerst und die Herrschaftszeit der Dalai Lamas beginnt, die als religiöses und auch weltliches Oberhaupt Tibet regieren, legitimiert durch den Glauben. Die eigentlichen Herrscher dieser Hierokratie[6] sind aber nicht nur die Dalai Lamas, sondern auch die Mönche, die durch ausgeprägte Suchriten die Inkarnation des verstorbenen Lamas wieder finden, also die Entscheidung treffen, wer zukünftig Tibet religiös sowie weltlich führen wird. Der tibetische Adel verliert an Macht, viele Adelige erhalten jedoch ein Gebiet Tibets als Verwaltungsbezirk.

Auch unter den Dalai Lamas kann Tibet kriegerischen Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg gehen. Mit dem Tod des V. Dalai Lama beispielsweise versuchen die Mongolen wieder ihren Einfluss in Tibet zu stärken, ebenso gibt es Probleme mit den Dzungaren, die zwar einerseits die Mongolen aus Tibet vertreiben, andererseits jedoch die reichen Klöster plündern. So wird Tibet im 18. Jahrhundert viele Male angegriffen. Tibets militärische Macht ist jedoch bei weitem nicht mehr so ausgeprägt wie zur Königszeit, nur durch Hilfe der Mandschu-Chinesen[7] können die vielen Invasions- und Plünderungsversuche verhindert werden. Dadurch erlangen diese einen gewissen Einfluss in Tibet, jedoch nur in außenpolitischen Angelegenheiten.

Nach dem Opiumkrieg 1840/1842 wird China schwächer und kann seinem Protektorat über Tibet nicht mehr nachkommen. Reichliche Konflikte mit Nepal folgen. Auch wächst das britische und russische Interesse an Tibet, welches nun, 1895, als der XIII. Dalai Lama sein Amt antritt, zwischen den Mächten China, Russland und Großbritannien steht.



  1. Vgl. Tibet Initiative Deutschland, http://home.bn-ulm.de/~ulfricke/history.htm, 14.1.2006.
  2. Vgl. „Souveränität contra Suzeränität“, Gyaltsen Gyaltag, aus „Tibet – Eine Kolonie Chinas“ (Hg. H. Steckel), 1993, S.117; im Folgenden nicht anders vermerkte Daten berufen sich auf Tsewang Norbus Zeittafel aus „Tibet – Eine Kolonie Chinas“ (Hg. H. Steckel), 1993, S.304–312.
  3. Vgl. Tibetfocus, http://www.tibetfocus.com/politik/geschichte0100_1300.html, 14.1.2006.
  4. Vgl. „Zeittafel Tibet“, Tsewang Norbus, aus „Tibet – Eine Kolonie Chinas“ (Hg. Helmut Steckel), 1993, S. 307.
  5. Vgl. Tibetfocus, http://www.tibetfocus.com/politik/geschichte1300_1900.html, 14.1.2006.
  6. Hierokratie = Priesterherrschaft.
  7. Während der chinesischen Qing-Dynastie (1644-1911) stand China unter Herrschaft der Mandschu, welche heute eine ethnische Minderheit in China darstellen.