Degrowth - Wirtschaft ohne Wachstum: Leseprobe

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Degrowth – Wirtschaft ohne WachstumBearbeiten

Alles GutBearbeiten

„Allen Segens Anfang heißt Besinnung, was der Götter ist entweihe keiner!

Überhebung büßt mit großem Falle, dem Alter zur Besinnung.“

-- Sophokles, Antigone / Chor

Dieses Kapitel möchte einladen zur Besinnung zu kommen. Es soll hier um eine Grundannahme der Wirtschaftstheorie gehen. Dreht sich die Theorie nur um Güter, oder sind andere Sichtweisen möglich und nützlich.

Im folgenden sollen verschiedene wichtige ökonomische Konzepte dargestellt werden, die Relevanz für den Wirtschaftsprozess als Ganzes haben.

Ein GleichgewichtBearbeiten

Es gibt in der Ökonomik das grundlegende Konzept, dass es eine Tendenz von Angebot und Nachfrage gibt, sich aneinander anzugleichen (economics 49/12910).

 

Wichtig zu verstehen ist, dass das  -Zeichen in dieser Gleichung keinen Zustand darstellt, sondern es soll hier Bewegungen symbolisieren, die zu diesem Gleichgewicht hinstreben. In der ökonomischen Wirklichkeit werden immer Ereignisse eintreten und Prozesse am Wirken sein, welche ein Gleichgewicht aufheben, beziehungsweise verhindern, dass eines zustande kommen kann. Trotzdem ist diese Formel eine Art Ankerpunkte, der hilft Überlegungen über reale wirtschaftliche Vorgänge anzustellen, die prüfen welchen Einfluss bestimmte Bedingungen und Handlungen auf das Gleichgewicht haben (Fisher 2011). Ein wichtiger theoretischer Rahmen für diese Gleichung ist das   Allgemeine Gleichgewichtsmodell, welches ein Gleichgewicht zwischen allen Märkten einer Wirtschaft untersucht und das mikroökonomische   Marktmodell für ein Gut.


Freie Güter?Bearbeiten

„Die Theorie träumt, die Praxis belehrt.“

-- Karl von Holtei (1798-1880), deutscher Schriftsteller

Die Wirtschaftswissenschaft untersucht wie wir Menschen Güter nutzen. Sie unterscheidet dabei zwischen materiellen Gütern, die Waren genannt werden und Handlungen, die in der heutigen Zeit Dienstleistungen heißen. Im Grunde ist diese Aufteilung noch nicht vollständig, da es noch symbolische Güter gibt. Darunter sind zum Beispiel ehrenvolle Ämter und Titel zu verstehen, die ohne Zweifel in einer Gesellschaft von Nutzen sein können, aber weder materiell noch durch eine einzelne Handlung bestimmbar sind. Ob die Wirtschaftswissenschaft die Zweiteilung also beibehalten sollte, ist eher an anderer Stelle zu erörtern. Für interessierte Leserinnen sei der Artikel zu   Gerechtigkeitstheorien in der Wikipedia empfohlen.

Im Rahmen der Überlegungen hier, soll eine weitere Unterscheidung von Gütern betrachtet werden, die in der Wirtschaftswissenschaft gemacht wird. Das ist die Unterscheidung in Freie Güter und in Ökonomische Güter (Nissen 2002). Freie Güter sind solche, die ohne Produktionskosten zu verursachen (unbegrenzt) zur Verfügung stehen. Ökonomische Güter sind solche, die erst produziert werden müssen. An anderer Stelle wird die Bezeichnung Knappe Güter für die Abgrenzung verwendet.

Ist es sinnvoll diese Unterscheidung zu machen? Liest man die Beispiele, welche in der Literatur genannt werden, müssen Zweifel aufkommen. Der Fluss der so lange frei war, bis er verschmutzt wurde. Das darin fließende einst saubere Wasser ist zu einem knappen Gut geworden, da es erst wieder unter Entstehung von Kosten gesäubert werden muss. Das ist eventuell der Grund warum in moderneren Definitionen keine materiellen Güter, sondern Ideen und Werke, die beliebig oft ohne Kosten reproduziert werden können, so bezeichnet werden. Diese zu nutzen ist aber mit Aufwand verbunden. Schon die Auswahl welches Werk frei reproduziert werden soll, ist nicht kostenfrei zu haben, weshalb die erste Bedeutung beibehalten werden soll.

Um diese Einteilung besser zu verstehen, müssen wir uns ein Modell überlegen, an dem gezeigt werden kann, was freie Güter sind. Stellen wir uns also eine Wirtschaft vor, die nur aus einer Streuobstwiese besteht und deren einziges Produkt Äpfel sind. Die Knappheit von Äpfeln könnte ungefähr so verlaufen, wie es im folgenden Diagramm dargestellt ist.

 

Zwischen den Punkten A und B liegt die Erntezeit. Die mit F bezeichnete Linie stellt die Grenze dar, unterhalb der ein Apfel ein Freies Gut ist, weil es bei einer guten Ernte sehr viele Äpfel gibt. In der Zeit zwischen A und C muss einiges unternommen werden, damit die Knappheit an Äpfeln im Laufe eines Jahres nicht zu groß wird. Die Bewohner der Streuobstwiese wissen ja, dass Äpfel nicht zu jedem Zeitpunkt geerntet werden können. Sie lagern sie deshalb ein, kochen Apfelmus daraus, keltern sie vielleicht um Saft und Apfelwein zu gewinnen. Äpfel können auch getrocknet als Trockenobst und eingekocht als Kompott haltbar gemacht werden. Es gibt auf jeden Fall viel zu tun, damit sie vor zu hoher Knappheit geschützt sind.

Obwohl in der Erntezeit ein Apfel ein Freies Gut ist, sind die Bewohner der Streuobstwiese sicher nicht bereit, alle Äpfel einfach wegzugeben. Wenn wir uns noch vorstellen, dass die Streuobstwiese an einem Fluss liegt, aus dem sie ihr Wasser bekommen, wird vielleicht klarer wo der Fehler liegen kann.

 

In dem Diagramm ist zu Erkennen, dass die Knappheit von Flusswasser, auch wenn sie kleineren Schwankungen unterliegt, immer weit unterhalb der Grenze liegt, ab der es kein Freies Gut mehr ist. Die Bewohner der Streuobstwiese wissen also, dass sie immer soviel Wasser nehmen können, wie sie möchten. Das heißt für sie aber nicht, dass der Fluss als ganzes ihnen frei zur Verfügung steht. Sie werden ihn also nicht einfach als Müllkippe verwenden. Das haben sie von ihren Apfelbäumen gelernt.

Mit freien Gütern werden oft Zustände wie im Paradies (Häber 1997) oder dem Schlaraffenland assoziiert und behauptet das somit keine ökonomische Fragestellungen entstehen. Dabei wird aber der Punkt ignoriert, dass ja festgelegt werden muss, ab welchem Grad von Knappheit ein Gut als Freies Gut gelten kann. In unserem Modell von der Streuobstwiese kann er aus der Erfahrung von den Bewohnern bestimmt werden. Wenn mehr Äpfel geerntet werden, als mit den vorhandenen Möglichkeiten konserviert werden können, macht es keinen Sinn den aktuellen Konsum an Äpfeln einzuschränken. Entwicklung und Handel fehlen in dem Modell, weil sie dazu führen können, dass kein Freihes Gut entsteht. Mit entwickeltem Wissen und Technik könnte aber langfristig ein Zustand entstehen indem sowohl frisch geerntete Äpfel, als auch konservierte Äpfel Freie Güter werden. Durch Handel würden die Bewohner einen Vorteil gegen andere eintauschen.

Zum Schluss noch eine kurze Anmerkung um eventuell ein Missverständnis auszuschließen.   Freie Güter sind nicht gleichbedeutend mit   Gemeingütern, welche aufgrund ihrer freien Zugänglichkeit von privaten Gütern unterschieden werden. Ob es einen Zaun um die Streuobstwiese gibt oder nicht, ist für die untersuchte Frage ohne Belang. Schöner ist es natürlich, wenn es keinen Zaun geben muss.