A Poem a Day/ 13. Oktober: Blätter (R.M. Rilke)

Blätter

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Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Reiner Maria Rilke (1875 - 1926)

Kommentar

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Rainer Maria Rilke verfällt angesichts der Herbststimmung, welche das Ende des Jahres ankündigt, in eine nachdenkliche Stimmung. Er deutet das Naturerlebnis metaphysisch. Ob er wohl mit den himmlischen Gärten das Paradies meint?

Dem wirbelnden Fallen der Blätter gibt er eine Bedeutung. Sie scheinen sich durch die verneinende Gebärde gegen den unvermeidlichen Verfall aufzulehnen.

Was jedes Jahr wieder geschieht, das geschieht auch jede Nacht wieder. Alles scheint zu einem Ende zu kommen.

"Diese Hand da" steht willkürlich herausgegiffen pars pro toto für den ganzen Menschen und für die ganzr Menschheit. Ob das lyrische Ich die erhobene Hand einer Stature im Park zum Vergleich heranzieht, oder seine eigene mit der er gerade zuvor noch die Bewegung des Blattes immitiert hat, die auf seine andere Hand als Symbol für die Erde schwebte, sei mal dahingestellt.

Neben dem Tag der deutschen Einheit, Halloween, und dem Reformationstag, ist der Herbst durch Feier- und Gedenktage wie Allerheiligen, Allerseelen, der Totensonntag und Buß- und Bettag geprägt. Neben dem Gedenken an die Verstorbenen wird auch an die eigene Sterblichkeit gedacht.

Die letzte Strophe erinnert an ein Gedicht von Arno Pötzsch, der Zeitgenosse Rilkes war, und das mit dem Vers "Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand," beginnt und bezieht sich auf einen Gedanken von Psalm 139 (EG 533). Möglicherweise wurde Pötzsch neben dem Psalm auch von Rilkes Gedicht inspiriert

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,
und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
Führe ich gen Himmel, so bis du da;
bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte
und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten.
Spräche ich: Finsternis möge mich decken
und Nacht statt Licht um mich sein -,
so wäre auch Finsternis nichtfinster bei dir,
und die Nacht leuchtete wie der Tag.
Finsternis ist wie das Licht.

Psalm 139 (auszugsweise)