Studienführer Hans Albert: Positivismusstreit


Der deutsche Positivismusstreit und die Auseinandersetzung mit der 'Kritischen Theorie'

Das irreführende Wort Positivismusstreit spielt an auf den bekannten wissenschaftlichen Disput zwischen Karl Popper und Theodor W. Adorno auf der 'Tagung der deutschen Gesellschaft für Soziologie' 1961 in Tübingen. Er wuchs sich zwischen 1964 und 1969 zu einer lang anhaltenden, scharfen Diskussion zwischen Jürgen Habermas und Hans Albert aus und wurde durch eine Veröffentlichung der Diskussionsbeiträge 1969 (siehe unten) erneut angeheizt. Er findet bis heute das Interesse von Fachleuten wie auch das einer breiteren Öffentlichkeit.

Das Thema der Tübinger Tagung 1961 war aber nur sehr beiläufig der Positivismus. Popper und Adorno waren sich nämlich darin einig, dass diese Richtung der Wissenschaftstheorie, die an 'gegebene' (lat. positum) Tatsachen glaubt, abzulehnen sei. Vielmehr drehte sich alles darum, ob in den Sozialwissenschaften die gleiche Methodologie (die grundsätzlichen Züge des wissenschaftlichen Vorgehens) zum Zuge komme (oder kommen sollten) wie in den Naturwissenschaften. Im Zusammenhang damit geriet dann auch der Status von Werten in beiden Wissenschaften, wie früher schon einmal im Werturteilsstreit, in den Mittelpunkt der Diskussion.

1963 wurde die Debatte etwas verschärft fortgesetzt von Jürgen Habermas in der Festschrift für Adorno. Richtig kritisch wurde sie 1964 auf dem 'Soziologentag' in Heidelberg mit dem Auftritt von Herbert Marcuse. Danach war sie hauptsächlich eine literarisch geführte Debatte zwischen den beiden jungen (in akademischen Maßstäben!), Profil gewinnenden Philosophen Jürgen Habermas and Hans Albert. Jetzt erst wurde der Positivismus zu einem heftigen Streitpunkt, als Habermas seinen 'Positivismusverdacht' gegenüber den Kritischen Rationalismus bekundete und Albert diesen heftig bestritt.

Ein zweiter Vorwurf, den Habermas erhob, war der der 'halbierten Rationalität'. Damit war gemeint, dass der Kritische Rationalismus nur für die Wissenschaften in Betracht käme und nicht für Bereiche, in denen Werte eine erhebliche Rolle spielten. Albert wies das zurück und zeigte in den Veröffentlichungen der folgenden Jahre immer wieder, dass auch in den Wissenschaften Werte eine große Rolle spielen und dass Werte, wo immer sie eine Rolle spielen, einer kritisch-rationalen Beurteilung unterzogen werden können.

Der Streit gipfelte in der Veröffentlichung der wichtigsten Aufsätze zu diesen Problemen (s.u. Adorno und andere 1969). Die Diskussion wurde dadurch erneut angefacht und dürfte bis heute der Katalysator zur Lösung wichtiger Probleme sein: Methodologie der Sozialwissenschaften; der Umgang mit Werten in rationalen Überlegungen; Überprüfung des von Max Weber auf die Wissenschaften bezogenen Wertfreiheitsprinzips; das Verhältnis der Kritischen Theorie Adornoscher und Habermasscher Prägung zum Kritischen Rationalismus (dazu s.u. Albert 2003; Sölter 1996; Steinhoff 2001).

Der angelsächsische Positivismusstreit

Einen zweiten Positivismusstreit, der seinen Namen eher verdient hat, gab es in den 60er Jahren in der angelsächsischen Philosophie. Dabei wurde von Philosophen wie Norwood Russell Hanson, Thomas S. Kuhn und Paul Feyerabend der Neoklassische Empirismus angegriffen, wie er vom Wiener Kreis als Wissenschaftstheorie vertreten und verbreitet wurde. Der Angriff galt der positivistischen Idee einer strengen Trennung von Tatsachen und Theorien, wie sie zum Beispiel in Neuraths 'Protokollsätzen' zum Ausdruck kommt, die reine Beobachtungssätze ohne theoretische Bestandteile sein sollten.

Schon Popper hatte in seiner Logik der Forschung (1935) und in späteren Werken gezeigt, dass alle Beobachtung 'theoriegetränkt' ist, das heißt durchsetzt ist mit theoretischen Bestandteilen. In aller Kürze bedeutet dies: Alles, was wir 'Erwartung' nennen und was als solche bei Beobachtungen eine erhebliche Rolle spielt, ist bereits Theorie. Alle Universalwörter wie 'Wasser' reichen schon immer weit über unsere Erfahrung hinaus, indem sie vorgeben, dass es etwas ewig Bleibendes und von uns Unabhängiges und mit konstanten Eigenschaften Ausgestattetes gibt, das den Namen 'Wasser' verdient.

Die schon hier abgelehnte 'Zweisprachen-Theorie' wurde nun von den genannten Autoren scharf und erfolgreich angegriffen. Die Auffassung, dass es reine theoriefreie Beobachtungen geben könne, dürfte daher heute kaum noch vertretbar sein. Der reine Empirismus ist tot.

Siehe zu diesem Abschnitt z. B. den Überblick: Albert 1996 (in Renaissance der Gesellschaftskritik), Kap. IV. Zur weiteren Erläuterungen der hier verwendeten Begriffe und Zusammenhänge siehe Niemann 2004.

Literatur zum deutschen Positivismusstreit

  • Adorno, Th., Albert, H., Dahrendorf, R., Habermas, J., Pilot, H., Popper, K., Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, Darmstadt (Luchterhand) 1969.
  • Albert, H. Konstruktion und Kritik, Hamburg 1972, Aufsatz 1 und 2.
  • Albert, H. 'Die Werturteilsproblematik und der normative Hintergrund der Wissenschaften', in: Lenk, H. und Mahring, M. (Hrsg.), Wirtschaft und Ethik, Stuttgart (Reclam) 1992, S. 82-100.
  • Albert, H. , 'Dialektische Denkwege. Jürgen Habermas und der kritische Rationalismus', in: Hans Albert/Kurt Salamun (Hrsg.), Mensch und Gesellschaft aus der Sicht des kritischen Rationalismus, Editions Rodopi B.V., Amsterdam/Atlanta 1993, S.11-40.
  • Albert, H., 'Ein hermeneutischer Rückfall. Jürgen Habermas und der kritische Rationalismus', Logos, Band 1,1993/94, S. 3-34.
  • Albert, H. Kritik der reinen Hermeneutik, Tübingen (Mohr Siebeck) 1994, Kap. VIII.
  • Albert, H., 'Kritischer Rationalismus - Vom Positivismusstreit zur Kritik der Hermeneutik', in: Albert, H., Schnädelbach, H., Simon-Schaefer, R., Renaissance der Gesellschaftskritik? Bamberg (Universitätsverlag) 1999, S. 15-43.
  • Albert, H., 'Unverdienter Sieg', zu Habermas 70. Geburtstag in der FAZ, Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 138 (18.6.1999); S. 52.
  • Albert, H., 'Erkenntnis und Moral. Ein Nachtrag zum Positivismusstreit', in: J. Baechler, F. Chazel, R. Kamrane (Hrsg.), L'acteur et ses raisons. Mélanges en l'honneur de Raymond Boudon, Paris (Presses Universitaires de France) 2000, S. 313-325.
  • Albert, H., Kritik des transzendentalen Denkens, Tübingen (Mohr Siebeck) 2003, S. 183 ff.
  • Dahms, H.-J., Positivismusstreit. Die Auseinandersetzungen der Frankfurter Schule mit dem logischen Positivismus, dem amerikanischen Pragmatismus und dem kritischen Rationalismus, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1994.
  • Habermas, J., 'Analytische Wissenschaftstheorie und Dialektik. Ein Nachtrag zur Kontroverse zwischen Popper und Adorno', in: Zeugnisse: Festschrift für Theodor W. Adorno zum sechzigsten Geburtstag: hrsg. von Max Horkheimer; Frankfurt/M. (Europäische Verlagsanstalt) 1963, pp. 473-503.
  • Habermas, J., Zur Logik der Sozialwissenschaften, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1982.
  • Huusen, G. M., Kee, B., 'Kritieke beperkingen en bepertke kritiek: De discussie tussen Jurgen Habermas en Hans Albert', Phil. Reform 37 (1972), S. 174-193; (niederländisch).
  • Immerschitt, Gisela, 'Die Wertproblematik in den Sozialwissenschaften', Conceptus 15 (1981), S. 179-192.
  • Keuth, H., Erkenntnis oder Entscheidung. Zur Kritik der kritischen Theorie, Tübingen 1993.
  • Niemann, H. J., Lexikon des Kritischen Rationalismus, Tübingen (Mohr Siebeck) 2004 (weitere Erläuterung hier verwendeter Begriffe und Probleme).
  • Nilsson, J. Rationality in Inquiry. On the Revisability of Cognitive Standards, Umea 2000. (Bestätigt die Ergebnisse von Hans Alberts Kritik an Karl-Otto Apel.)
  • Sölter, A., Moderne und Kulturkritik. Jürgen Habermas und das Erbe der Kritischen Theorie, Bonn 1996, S. 10 ff., 50 ff.
  • Steinhoff, U., Kritik der kommunikativen Rationalität, Marsberg 2001, S. 405 (zur der Kontroverse Habermas/Albert).
  • Wendel, H.-J., u.a. in LOGOS Bd. 1, Heft 3 (1994). (Heft über kritisch-rationale Ethik, relevant wegen des Vorwurfs 'halbierter Rationalität')

Literatur zum angelsächsischen Positivismusstreit

  • Albert, H., Die Wissenschaft und die Fehlbarkeit der Vernunft, Tübingen (Mohr Siebeck) 1982, Kap. II, Abschn. 1.
  • Albert, H., 'Kritischer Rationalismus - Vom Positivismusstreit zur Kritik der Hermeneutik', ... siehe oben, Bamberg 1999, Kap. IV, S. 24f.
  • Feyerabend, P., Knowledge without Foundation, Oberlin 1961.
  • Hanson, N. R., Patterns of Discovery, Cambridge 1961.
  • Kuhn, T. S., The Structure of Scientific Revolutions, Chicago 1962; dt. Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1967.